Neue Studie zu Herbert von Karajan: Historiker entlastet Dirigenten von Antisemitismus-Vorwürfen
Eine umfassende Studie über den legendären Dirigenten Herbert von Karajan (1908-1989) stellt dessen umstrittene NS-Vergangenheit in einem neuen Licht dar. Der renommierte deutsche Historiker Michael Wolffsohn hat im Auftrag des Eliette und Herbert von Karajan Instituts in Salzburg die historischen Fakten neu aufgearbeitet und kommt zu überraschenden Schlussfolgerungen.
Karajan als opportunistischer Parteigänger ohne antisemitische Gesinnung
Laut Wolffsohns Untersuchungen, die am 16. Februar als Buch veröffentlicht wird, war Karajan kein "Gesinnungsnazi", sondern schloss sich der NSDAP aus reinem Opportunismus an. Der Historiker betont, dass Karajan der Überzeugung war, Kunst müsse eine Autonomie gegenüber der Politik bewahren. "Karajan war definitiv kein Antisemit", stellt Wolffsohn klar und verweist darauf, dass der Dirigent nach 1945 enge Beziehungen zu zahlreichen jüdischen Freunden und Musikern pflegte.
Diese jüdischen Künstler hatten den Holocaust überlebt, viele ihrer Familienangehörigen jedoch verloren. Die wenigen antisemitischen Äußerungen des jungen Karajan bewertet der jüdische Historiker als "Feld-, Wald- und Wiesen-Sprüche" – also als oberflächliche, zeittypische Bemerkungen ohne tiefere Überzeugung.
Neue Erkenntnisse zum Parteieintritt und Karriereverlauf
Wolffsohns Recherchen korrigieren bisherige Annahmen zum genauen Zeitpunkt von Karajans Parteieintritt. Demnach trat der Dirigent erst 1935 in die NSDAP ein – und nicht früher oder mehrfach, wie in manchen Quellen behauptet wird. Dieser Schritt war laut dem Historiker eine notwendige Voraussetzung für Karajans Position als Generalmusikdirektor in Aachen.
Interessanterweise entwickelte sich Karajans Karriere während der NS-Zeit keineswegs kontinuierlich nach oben. Im Gegenteil: Seine berufliche Laufbahn nahm einen deutlichen Abwärtstrend, nachdem er bei Hitler künstlerisch in Ungnade gefallen war. Wolffsohn stellt die rhetorische Frage: "Was hätte er machen sollen? Hätte er Automechaniker werden müssen oder sollen?" Der Historiker betont, dass Karajan sich als Generalmusikdirektor in keiner Weise als überzeugter Nationalsozialist betätigte.
Die komplexe Persönlichkeit eines musikalischen Genies
Herbert von Karajan gilt als eine der prägendsten Figuren der klassischen Musikwelt des 20. Jahrhunderts. Als langjähriger Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Leiter der Wiener Staatsoper und Gestalter der Salzburger Festspiele hinterließ er ein musikalisches Erbe von weltweiter Bedeutung.
"Karajan war zweifellos ein musikalisches Genie", urteilt Wolffsohn, fügt jedoch kritisch hinzu: "Ein Genie ist nicht automatisch auch ein ethisches Vorbild." Dennoch betont der Historiker, dass sich der Dirigent bis zu seinem Lebensende intensiv mit der Frage seiner NS-Vergangenheit auseinandersetzte und diese Thematik nicht verdrängte.
Die Studie bietet damit eine differenziertere Perspektive auf einen der umstrittensten Künstler des vergangenen Jahrhunderts und trägt zur historischen Einordnung bei, ohne dabei die moralischen Dimensionen auszublenden.



