Neue Studie zu Herbert von Karajan: Kein Gesinnungsnazi, sondern Opportunist
Karajan-Studie: Kein Gesinnungsnazi, sondern Opportunist

Neue Studie nimmt Karajans NS-Vergangenheit differenziert unter die Lupe

Herbert von Karajan gilt als eine der prägenden Figuren der klassischen Musikwelt des 20. Jahrhunderts. Der langjährige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Leiter der Wiener Staatsoper und Gestalter der Salzburger Festspiele steht nun im Mittelpunkt einer neuen historischen Untersuchung. Der renommierte deutsche Historiker Michael Wolffsohn hat im Auftrag des Eliette und Herbert von Karajan Instituts in Salzburg die umstrittene NS-Vergangenheit des Musikers neu aufgearbeitet.

Kein aktiver Mitläufer, sondern Opportunist

Die Studie, die am 16. Februar als Buch erscheint, kommt zu einem differenzierten Urteil. Karajan war nach Wolffsohns Erkenntnissen kein "Gesinnungsnazi", sondern schloss sich der NSDAP aus reinem Opportunismus an. Der Historiker betont, dass der Dirigent an eine Autonomie der Kunst gegenüber der Politik glaubte und sich in keiner Weise aktiv als nationalsozialistischer Mitläufer betätigte.

"Was hätte er machen sollen? Hätte er Automechaniker werden müssen oder sollen?", fragt Wolffsohn rhetorisch. "Er hat das gemacht, was er am besten konnte", erklärt der Forscher und verweist darauf, dass Karajans Karriere während der NS-Zeit sogar bergab ging, nachdem er bei Hitler künstlerisch in Ungnade gefallen war.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Antisemitismus-Vorwürfe werden relativiert

Ein zentraler Punkt der Untersuchung betrifft die Frage nach Karajans Haltung zum Judentum. Während frühere Studien von antisemitischen Einstellungen des Dirigenten sprachen, kommt Wolffsohn zu einem anderen Schluss: "Karajan war definitiv kein Antisemit".

Diese Einschätzung begründet der jüdische Historiker mit folgenden Beobachtungen:

  • Nach 1945 pflegte Karajan enge Beziehungen zu jüdischen Freunden und Musikern
  • Viele dieser Personen hatten Familien im Holocaust verloren und selbst überlebt
  • Die wenigen antisemitischen Äußerungen des jungen Karajan bewertet Wolffsohn als "Feld-, Wald- und Wiesen-Sprüche"

Historische Fakten zur NSDAP-Mitgliedschaft

Wolffsohns Recherchen haben auch zu einer Klärung des Zeitpunkts von Karajans Parteieintritt geführt. Entgegen mancher Behauptungen trat der Dirigent erst 1935 in die NSDAP ein - und nicht früher oder mehrfach. Dieser Schritt war laut dem Historiker eine notwendige Voraussetzung für Karajans Ernennung zum Generalmusikdirektor in Aachen.

Der Historiker betont die Ambivalenz von Karajans Persönlichkeit: "Karajan war zweifellos ein musikalisches Genie", sagt Wolffsohn. "Ein Genie ist nicht automatisch auch ein ethisches Vorbild." Dennoch habe sich der Dirigent bis zu seinem Lebensende 1989 intensiv mit der Frage seiner NS-Vergangenheit auseinandergesetzt.

Die vom Karajan-Institut in Salzburg in Auftrag gegebene Studie bietet somit eine nuancenreichere Perspektive auf eine der umstrittensten Figuren der klassischen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration