Schubert-Lieder im orchestralen Gewand: Eine sensible Interpretation im Herkulessaal
Wenn Franz Liszt, Max Reger und Richard Strauss Lieder von Franz Schubert für Orchester arrangierten, verfolgten sie stets das edle Ziel, diese ursprünglich mit Klavier begleiteten Kleinode für die große Bühne des Konzertsaals zu erschließen. In der heutigen Zeit zeigen sich Sängerinnen und Sänger diesen Bearbeitungen gegenüber jedoch oft zurückhaltend, denn es erfordert deutlich weniger Kraft, sich gegen ein einzelnes Instrument durchzusetzen als gegen ein ganzes Orchester.
Julian Prégardien: Klarheit statt Kraft
Der Tenor Julian Prégardien, Gesangsprofessor an der Münchner Musikhochschule, geht einen anderen Weg. Statt sich in einen musikalischen Überbietungswettbewerb zu begeben, setzt er auf die makellose Klarheit und präzise Intonation seiner Stimme. Mit Anfang 40 verfügt Prégardien zwar nicht über ein besonders voluminöses Organ, doch genau das prädestiniert ihn für die intimeren Klangwelten, wie sie in der Alte Musik-Szene üblich sind.
Gegen das mächtige Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks behauptet er sich allein durch die kristalline Reinheit seines Gesangs, den er gezielt in den Herkulessaal projiziert. In "Ganymed" in der Instrumentation von Richard Strauss schimmert sein leicht ansprechendes, nur sparsam vibrierendes Timbre in wohlig mildem Glanz. Die anspruchsvollen Spitzentöne von "Im Abendrot", arrangiert von Max Reger, überführt er kunstvoll in eine zwischen Kopf- und Bruststimme changierende "voix mixte".
Dramaturgisch kluge Liedauswahl
Besonders beeindruckend zeigt sich Prégardien in der schaurigen Ballade "Erlkönig", orchestriert von Franz Liszt. Hier lässt er die Stimme beim angstvollen Flehen des Knaben fast überschlagen – ein herzzerreißender Effekt, der dramaturgisch perfekt dosiert wird. Die fünf ausgewählten Lieder sind sinnfällig zusammengestellt und bilden ein ausgewogenes Programm.
Als kontemplatives Gegengewicht zum dramatischen Höhepunkt wirkt "Der Vater mit dem Kind", zart umspielt von den Harfenklängen Magdalena Hoffmanns, Solistin des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Auch ihre Kolleginnen und Kollegen gehen bei der Begleitung überaus behutsam vor und schaffen so eine Atmosphäre sensibler Kammermusik.
Sebastian Weigle: Souveräne Führung durch Liszts Faust-Welt
Dass dieser kammermusikalische Ansatz gelingt, liegt nicht zuletzt an der Umsicht von Dirigent Sebastian Weigle, der kurzfristig für Franz Welser-Möst eingesprungen ist. Es ist eine Freude, den versierten Operndirigenten einmal außerhalb des Orchestergrabens zu erleben. Für das kühne, oft erratische Werk "Eine Faust-Symphonie" von Franz Liszt erweist er sich als idealer Interpret.
Weigle bietet souverän Orientierung, selbst wenn die Musik scheinbar zu irren beginnt. Die heiklen Mischungen und Übergänge zwischen Streichern und Holzbläsern gelingen unter seiner Leitung geschmeidig. Gleichzeitig lädt er die langen rezitativischen Passagen mit Ausdruck auf und setzt am Schluss wirkungsvoll den stattlichen Männerchor des Bayerischen Rundfunks ein. Auch Julian Prégardien tritt mit dem Tenorsolo noch einmal in Erscheinung.
Mit den Worten Geheimrat Goethes ließe sich resümieren: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen." Diese Aufführung im Herkulessaal war zweifellos ein solches strebendes Bemühen – und ein erlösendes Hörerlebnis zugleich.



