Christian Gerhaher: „Für mich ist Wagner ein absoluter Traum“
Der renommierte Bariton Christian Gerhaher spricht im exklusiven Interview über seine langersehnte Wotan-Rolle bei den Osterfestspielen Salzburg, die natürliche Entwicklung seiner Stimme und zukünftige Wagner-Pläne mit Star-Dirigent Kirill Petrenko. Die von Herbert von Karajan gegründeten und aktuell von Nikolaus Bachler geleiteten Osterfestspiele eröffnen mit der Rückkehr der Berliner Philharmoniker unter Petrenko ein neues Kapitel.
Vom Medizinstudenten zum Wagner-Interpreten
Christian Gerhaher, 1969 in Straubing geboren, absolvierte zunächst ein Medizinstudium in München, bevor er sich ganz der Musik widmete. Sein Gesangsstudium absolvierte er privat und als Gast an der Hochschule für Musik und Theater München bei legendären Lehrern wie Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf und Inge Borkh. Diese fundierte Ausbildung bildet die Basis für seine heutige Karriere.
„Eigentlich lag Wotan lange nicht im Bereich des Möglichen für mich“, gesteht Gerhaher. „Ich habe meist versucht, schlank und leicht zu singen, obwohl ich immer eine Begabung zur Attacke hatte. Wegen meines hellen Timbres übernahm ich lange hohe Bariton-Partien.“ Selbst Kollegen warnten ihn vor der anspruchsvollen Wotan-Rolle.
Die natürliche Stimmentwicklung
Doch die Dinge entwickelten sich ungeplant: „Entscheidend war, dass ich mir irgendwann zugetraut habe, den Wozzeck zu singen. Und dann kam der Lear in Aribert Reimanns Oper in München“, erklärt der Sänger. „Da sagten mir viele: Das klingt doch wie Wotan. Außerdem hat sich meine Stimme altersgemäß nach unten entwickelt. Das ist eine Freude, und das kann man dann ja auch nützen.“
Die Faszination der Wotan-Figur
Was fasziniert Gerhaher an Wotan? „Die Breite an Inhalten, die sich musikalisch äußert. Wagner hat ihn außerdem wie vielleicht keine andere Partie durch männliche Machtbesessenheit charakterisiert“, analysiert der Bariton. Besonders reizt ihn die Entwicklung der Figur von der machtvollen Gegenwartsbezogenheit im „Rheingold“ zur tiefen Melancholie des Wanderers im „Siegfried“.
„Wotan wird zur zweifach tragischen Figur, weil er seinen Sohn Siegmund töten und seine Tochter Brünnhilde opfern muss“, erklärt Gerhaher. „Davon ist Wotan im ‚Rheingold‘ noch weit entfernt. Dafür hat die Figur viel Witz und bissigen Humor, der mir sehr gefällt.“
Warum nur der „Rheingold“-Wotan?
Auf die Frage, warum er auf den Wotan in der „Walküre“ verzichtet, antwortet Gerhaher pragmatisch: „Die Rolle ist länger und tiefer, insbesondere in der langen Erzählung im zweiten Aufzug. Ich kann das zwar singen, aber in der Verbindung mit den hohen Stellen in der Auseinandersetzung mit Fricke davor besteht die Gefahr, dass die Tiefe dann doch nicht mehr so leicht ist, wie ich mir das vorstelle.“
Beim Wanderer im „Siegfried“ sehe das anders aus: „Dort gibt es nicht so viele tiefe Stellen“, so der Sänger. Über zukünftige Rollenübernahmen möchte er jedoch nicht selbst sprechen: „Das mitzuteilen, überlasse ich Nikolaus Bachler und den Osterfestspielen.“
Zusammenarbeit mit Kirill Petrenko
Die Zusammenarbeit mit Kirill Petrenko beschreibt Gerhaher als besonders bereichernd: „Niemand kennt sich besser im ‚Ring‘ aus als Kirill Petrenko“, schwärmt der Bariton. „Er bezieht auch stark mit ein, was durch die neue Ausgabe über die Proben von 1876 in Bayreuth überliefert ist, speziell in Heinrich Porges’ Aufzeichnungen der mündlichen Anweisungen zur Deklamation, woraus hervorgeht, dass Wagner eine nuancierte Gestaltung wollte.“
Serebrennikovs Inszenierung
Kirill Serebrennikovs Inszenierung des „Rheingold“ findet Gerhahers volle Zustimmung: „Das deckt sich stark mit meiner Sicht. Die Handlung spielt in einem archaischen, postapokalyptischen Setting, das gut in die Felsenreitschule passt.“ Besonders erfreut zeigt sich der Sänger über den Verzicht auf moderne Klischees: „Ich bin sehr glücklich, dass ‚Rheingold‘ nicht in einer Hotellobby spielt und äußere Dinge keine einschränkende Rolle spielen.“
Zukunftsträume und Grenzen
„Für mich ist Wagner ganz allgemein ein Traum“, bekennt Gerhaher. „Ich habe große Lust, mich weiter mit der vielfach, auch weltanschaulich sich verschränkenden Inhaltlichkeit und mit den vielen psychologischen Ebenen des ‚Rings‘ zu beschäftigen.“ Doch konkrete Pläne gibt es derzeit nicht: „Aber derzeit planen die Opernhäuser eher kurzfristig. Im Moment gibt es keine konkreten Pläne.“
Auch die Rolle des Hans Sachs in den „Meistersingern“ reizt den Bariton: „Schon, weil in dieser Rolle – und in der ganzen Oper – immer auch das Gegenteil dialektisch mitgedacht wird.“ Doch hier sieht er Grenzen: „Ich weiß nicht, ob ich mit meinem im Rückzug befindlichen geistigen Vermögen das zu lernen noch schaffe. Der Sachs ist außerdem zwar eine insgesamt eher lyrische Partie, aber dafür ist sie extrem lang.“
Die Osterfestspiele 2027
Kirill Petrenko setzt in den kommenden Jahren den „Ring“ mit den Berliner Philharmonikern fort, unterbrochen von Schönbergs „Moses und Aron“. In der „Walküre“ 2027 gibt Lise Davidsen ihr internationales Rollendebüt als Brünnhilde, während Christopher Maltman den Wotan übernimmt. Weitere Highlights:
- Petrenko dirigiert Beethovens „Missa solemnis“
- Emmanuelle Haïm leitet Händels „Messias“
- Lahav Shani, designierter Chef der Münchner Philharmoniker, dirigiert Prokofjews 3. Klavierkonzert mit Martha Argerich
- Alan Lucien Øyen bringt mit seinen winter guests eine „Antigone“-Produktion heraus
Die Premiere von „Das Rheingold“ mit Christian Gerhaher als Wotan findet am Freitag, 27. März um 18 Uhr in der Felsenreitschule statt, weitere Vorstellungen folgen am 1. und 6. April – alle bereits ausverkauft.



