Zwischen Hummus und Raketenalarm: Ein BILD-Reporter erlebt den Alltag im kriegsgeplagten Israel
BILD-Reporter erlebt Alltag zwischen Hummus und Raketenalarm in Israel

Ein Reporter zwischen Raketenalarm und Hummus-Teller

Inmitten des anhaltenden Konflikts zwischen Israel, den USA und dem Iran erlebt BILD-Reporter Til Biermann den surrealen Alltag in einem Land, das zwischen Krieg und friedlichen Momenten pendelt. Gemeinsam mit seinem Fotografen-Kollegen Naftali Hilger macht er sich auf den Weg in den Norden Israels, wo er in seiner Jugend ein halbes Jahr im Kibbutz Hazorea verbrachte.

Der Schrecken der ballistischen Raketen

Während der Fahrt auf der Schnellstraße schrillt plötzlich das Smartphone: Vollalarm! Israelische Sensoren haben den Start einer ballistischen Rakete aus dem Iran registriert. Innerhalb von Sekunden berechnen Computer die mögliche Einschlagzone, während die Rakete mit bis zu zehnfacher Geschwindigkeit einer Gewehrkugel auf Israel zurast. Die Region um den Kibbutz Hazorea erscheint auf der digitalen Gefahrenkarte.

„Schnell in den Bunker!“, ruft Naftali und zieht den Wagen auf den Seitenstreifen. Gegenüber steht eine Migunit – einer der vielen kleinen Betonbunker, die im Norden Israels an Straßenrändern zu finden sind. Noch bevor sie die Tür erreichen, beginnt der ohrenbetäubende Sirenenalarm.

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Im engen, unangenehm riechenden Schutzraum drängen sich Polizisten, Arbeiter, Rentner und Mütter mit Babys. Die Spannung ist greifbar, während alle auf die Entwarnung warten. Draußen scheint die Sonne, als wäre nichts geschehen – eine bizarre Normalität im Ausnahmezustand.

Das technische Wunder der Raketenabwehr

Was in diesem Moment unsichtbar bleibt, ist das beeindruckende israelische Abwehrsystem Arrow 3. Hoch oben in etwa 100 Kilometern Höhe versucht ein Abfangkörper, die anfliegende Rakete mit kinetischer Energie zu zerstören. Experten vergleichen diese Präzisionsarbeit damit, eine fliegende Gewehrkugel mit einer anderen zu treffen. Doch nicht alle Raketen werden abgefangen: In Zentralisrael zerbrach eine Rakete in der Luft, ein chinesischer Bauarbeiter kam ums Leben, weil er keinen Schutzraum erreichte.

Rückkehr in die Jugend

Nach der Entwarnung erreichen Biermann und Hilger endlich den Kibbutz Hazorea im Jesreel-Tal. Dieser Ort wurde 1936 von deutschen Juden gegründet und war 1999 für ein halbes Jahr Biermanns Zuhause. Hier arbeitete er als Gärtner und Küchenhilfe mit Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion und lernte das moderne Hebräisch, das aus der biblischen Sprache entwickelt wurde.

Der Reporter erkennt vieles wieder: den Sportplatz, den kleinen Sendeturm des Kibbutz-Fernsehens. Seine alte Baracke ist einem modernen Haus gewichen, doch die Atmosphäre bleibt vertraut. Alles ist grün, Blumen blühen, es riecht nach Frühling – ein friedlicher Kontrast zur allgegenwärtigen Bedrohung.

Die Stimmen der Menschen

Im Mini-Supermarkt trifft Biermann Orli (67), eine ehemalige Biologielehrerin, die als Kind drei Jahre im Iran lebte. „Ich möchte, dass wir endlich Hamas, Hisbollah und die Ayatollahs loswerden und in Frieden leben können“, sagt sie mit Nachdruck. Trotz der aktuellen Feindseligkeiten betont sie: „Die Iraner sind kluge, liebe und schöne Menschen. Sie müssen frei werden.“

Uriel (82), dessen Großeltern aus Berlin vor den Nazis flohen und der den Kibbutz mit aufbaute, steht politisch links, hat aber klare Worte zum Iran: „Am 7. Oktober 2023 haben wir gesehen, dass diese Leute uns töten wollen. Dagegen müssen wir uns verteidigen.“ Während des Gesprächs donnert eine israelische F-16 über das Tal Richtung Osten – eine akustische Begleitung der politischen Realität.

Haifa: Geschlossene Gärten, offene Hummus-Läden

Die Reise führt weiter nach Haifa, der Hafenstadt mit 290.000 Einwohnern, die mit ihren Raffinerien zu den Hauptzielen der Hisbollah gehört. Viele Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, ebenso der berühmte Garten der Bahai-Religion. Eine Ausnahme bildet „Hummus Abou Chaker“, der seit 1936 existiert und selbst während des Golfkriegs 1990 nicht schloss.

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Chef Ossama (52), einer von 2,1 Millionen israelischen Arabern, serviert warmen Hummus mit Knoblauch, Zitrone, Zwiebeln und Pitabrot. „Man muss weiterleben“, sagt er mit rauer Stimme. „Kriege sind schlecht. Aber vielleicht brauchen wir diesen Krieg, damit wir endlich Ruhe haben.“ Am Nebentisch sitzen Rettungssanitäter des israelischen Notdienstes „David Adom“ und lachen mit Ossama und seinem Bruder Abbas.

In diesem Moment, zwischen Hummus-Tellern und der ständigen Bedrohung durch Raketen, funktioniert der Nahost-Frieden im Kleinen noch – ein fragiler Moment der Normalität in unnormalen Zeiten.