Militärische Eskalation: Kommt eine Bodenoffensive im Iran unter kurdischer Führung?
Nach den jüngsten Luftangriffen auf den Iran stellt sich die Frage, ob eine Bodenoffensive folgen könnte. Kampfjets allein werden nach Einschätzung von Experten kaum ausreichen, um das Machtsystem in Teheran zu stürzen. Daher richten sich die Blicke auf kurdische Truppen, die eine solche Offensive anführen könnten – unterstützt von den USA und Israel.
Wer könnte eine Bodenoffensive im Iran führen?
Im Fokus stehen die Kurden, eine ethnische Gruppe mit schätzungsweise 30 Millionen Mitgliedern, die vor allem im Irak, Iran, Syrien und der Türkei leben. Viele iranische Kurden sind aufgrund systematischer Verfolgung in den benachbarten Irak geflohen, wo sie in der autonomen Region um Erbil mehr Rechte genießen. Einige sehen nun die Chance, Irans Regierung zu stürzen und in einer möglichen neuen Regierung mehr Schutz und Freiheiten zu erlangen.
US-Präsident Donald Trump soll in den vergangenen Tagen bereits mit mehreren Kurdenführern telefoniert haben. Berichten zufolge hat der US-Geheimdienst CIA schon vor Monaten damit begonnen, kurdische Gruppen in der Region mit Waffen auszustatten. Offiziell weist das Weiße Haus diese Berichte jedoch als falsch zurück.
Würden die Kurden für eine Invasion bereitstehen?
Für die iranischen Kurden im Irak birgt ein bewaffneter Marsch über die Grenze enorme Risiken. „Sie werden hingerichtet, falls der Plan scheitert“, warnt der kurdische Analyst Mutlu Civiroglu. Zudem distanzieren sich die irakischen Kurden von den Plänen. Sie haben ihre autonome Region nach jahrzehntelanger Unterdrückung mühsam aufgebaut und wollen ihre Errungenschaften nicht gefährden.
Innerhalb der kurdischen Gruppen gibt es bereits Spaltungen, Rivalitäten und Machtkämpfe. Das Verhältnis zu Washington ist von vielen Spannungen geprägt. Nach der Zusammenarbeit mit den USA beim Sturz Saddam Husseins und im Kampf gegen den IS fühlten sich viele Kurden verraten, weil Washington die Unterstützung nach Ende der Missionen entzog.
Wie könnte eine kurdische Offensive im Iran ablaufen?
An der rund 1.500 Kilometer langen Grenze zum Iran sind bereits Tausende kurdische Kämpfer stationiert. Diese könnten mit Hilfe von US- und israelischen Luftangriffen in den Iran vordringen. Trump soll den Kurdenführern „umfangreichen Schutz der USA aus der Luft“ zugesagt haben, berichtet die Washington Post.
Doch das Problem sei, dass die kurdisch-iranischen Gruppen „militärisch nicht stark genug sind und zum Kanonenfutter werden könnten“, sagt ein US-Regierungsvertreter. Selbst mit Luftangriffen und Geheimdienstinformationen ist unklar, wie schnell und wie weit kurdische Kämpfer im gebirgigen Westiran vordringen könnten. Der Iran verfügt über Hunderttausende loyaler Sicherheitskräfte.
Wie könnte der Iran auf eine Invasion reagieren?
Irans Streitkräfte bereiten sich seit Jahrzehnten auf ein solches Szenario vor. Die militärische Doktrin wurde maßgeblich durch den Iran-Irak-Krieg geprägt. Statt auf klassische Gefechte setzt Iran auf asymmetrische Verteidigung: Guerillataktiken, dezentrale Kommandostrukturen und die Mobilisierung paramilitärischer Kräfte sollen einen Angreifer in einen langwierigen Krieg zwingen.
Der Iran ist mehr als viermal so groß wie Deutschland und hat rund 90 Millionen Einwohner. In den Grenzprovinzen leben zahlreiche ethnische Minderheiten wie Kurden, Belutschen und Aseris. Spannungen und separatistische Bewegungen sind für Teheran kein neues Phänomen. Der Staat regiert zentralisiert und stützt sich auf einen massiven Sicherheitsapparat.
Welche Folgen hätte eine Bodenoffensive?
Viele Iraner sorgen sich angesichts der Nachrichten über eine mögliche Bodenoffensive vor einer Zersplitterung des Landes und einem Bürgerkrieg. Eine Bodenoffensive mit Hilfe ethnischer Milizen könnte eine Gegenreaktion auslösen. Viele Iraner, darunter auch Gegner der autoritären Führung, könnten die territoriale Einheit des Landes über politische Differenzen stellen und sich gegen Separatisten zusammenschließen.
„Eine bewaffnete ethnische Aufstandsbewegung im Iran zu fördern, wäre die Mutter aller strategischen, moralischen und politischen Fehler“, warnt Analyst Behnam Ben Taleblu. „Das würde mit nahezu absoluter Sicherheit in einem gescheiterten Staat enden.“
Zudem könnte der Iran den Irak angreifen, um einen kurdischen Vormarsch abzuwehren. Damit würde im Nachbarland eine neue Eskalation drohen. Auch die Türkei, die bereits Gruppen mit Verbindungen zur verbotenen PKK bekämpft, könnte eine eigene Offensive starten oder im Iran eine Pufferzone einrichten.
Könnten die USA oder Israel Bodentruppen in den Iran schicken?
Nach offizieller Darstellung der US-Regierung sind Bodentruppen „derzeit nicht Teil des Plans“. Trump und Verteidigungsminister Pete Hegseth schließen den Einsatz von Bodentruppen aber nicht aus, obwohl die amerikanische Öffentlichkeit nach den langen Kriegen im Irak und Afghanistan besonders sensibel reagiert.
Als äußerst unwahrscheinlich gilt, dass Israels Armee in großem Umfang Bodentruppen in das rund 2.000 Kilometer entfernte Iran schicken würde. Ein solcher Einsatz wäre für das kleine Land mit zu vielen Risiken verbunden. Denkbar wären höchstens punktuelle Einsätze von Elitetruppen für spezielle Aufgaben.



