Das inszenierte Comeback der Cambridge Five in Moskau
Die Einladung klang mysteriös und kam völlig überraschend: Am 11. Februar 1956 wurden zwei britische Korrespondenten in Moskau kurzfristig ins Hotel National bestellt. Was sie dort erwarteten, sollte sich als eine der spektakulärsten Enthüllungen des Kalten Krieges entpuppen.
Fünf Minuten, die die Welt erschütterten
Richard Hughes von der „Sunday Times“ und Sidney Weiland von Reuters betraten Zimmer 101 des Hotels, ohne zu wissen, was sie erwarten würde. Neben Vertretern von Tass und der „Prawda“ standen ihnen zwei Männer gegenüber, die in schweren russischen Mänteln und Filzhüten gekleidet waren und zunächst nicht zu erkennen waren. „Die sahen nicht mehr aus wie britische Diplomaten, sondern wie Russen“, erinnerte sich Weiland später.
Es handelte sich um Guy Burgess und Donald Maclean, zwei der meistgesuchten Ex-Diplomaten der Welt, die seit 1951 spurlos verschwunden waren. Das Treffen dauerte gerade einmal fünf Minuten, doch seine Auswirkungen sollten jahrzehntelang nachhallen.
Eine Erklärung voller Lügen und Halbwahrheiten
Die beiden Überläufer überreichten den Journalisten eine dreiseitige Erklärung, die kurz darauf auch über Radio Moskau verbreitet wurde. Darin behaupteten sie, sie seien fünf Jahre zuvor in die Sowjetunion gegangen, um für ein besseres Verständnis zwischen Ost und West zu arbeiten. Sie erklärten, durch ihre Insiderkenntnisse seien sie überzeugt gewesen, dass weder die britische noch die amerikanische Regierung ernsthaft an friedlicher Kooperation mit der Sowjetunion interessiert seien.
Doch fast jedes Wort dieser Erklärung war gelogen oder zumindest stark verzerrt. Burgess und Maclean bestritten energisch, sich bereits vor ihrem Abtauchen als sowjetische Agenten betätigt zu haben, räumten aber ein, „schon immer“ mit der sowjetischen Politik sympathisiert zu haben.
Die wahre Geschichte der Cambridge Five
Tatsächlich waren Burgess und Maclean Teil der berüchtigten Cambridge Five, einer Gruppe britischer Spione, die bereits in den 1930er Jahren für die Sowjetunion zu arbeiten begannen. Der Kunsthistoriker Anthony Blunt hatte die etwas jüngeren Burgess und Maclean an der Universität Cambridge angeworben, nachdem er selbst 1933 als Talentsucher für das NKWD, die stalinistische Geheimpolizei, tätig geworden war.
Neben Burgess und Maclean gehörten zu diesem Kreis auch Kim Philby und John Cairncross sowie der amerikanische Gaststudent Michael Straight. Während Cairncross 1951 vom britischen Inlandsnachrichtendienst MI5 zum Doppelagenten gemacht wurde, konnte Philby 1963 in die Sowjetunion fliehen.
Macleans verräterische Karriere
Donald Maclean war 1935 in den diplomatischen Dienst eingetreten und profitierte vom guten Ruf seines Vaters, eines ehemaligen Oppositionsführers im Unterhaus. Durch perfide Tricks gelang es ihm, Zugang zu hochgeheimen Informationen zu erhalten. „Keine Aufgabe war ihm zu schwer, keine Stunde zu lang“, erinnerte sich sein ehemaliger Bürokollege Robert Cecil Jahrzehnte später.
Von 1944 bis 1948 arbeitete Maclean an der britischen Botschaft in Washington und stieg dort zum Ersten Sekretär auf – eine extrem einflussreiche Position. Zuletzt fungierte er sogar als Sekretär der anglo-amerikanischen Atomkommission. Erst nachdem er 1950 das hochgeheime Protokoll eines Gipfels zwischen US-Präsident Harry S. Truman und dem britischen Premier Clement Attlee weitergegeben hatte, kam der MI5 ihm auf die Spur.
Burgess‘ wechselhafte Laufbahn
Guy Burgess hatte zunächst einen anderen Weg eingeschlagen: Von 1936 bis 1944 arbeitete er für die BBC, parallel dazu ab 1939 zwei Jahre lang für den MI5. Erst 1944 wechselte er ins Foreign Office, passenderweise zur Abteilung Intelligence. 1950 ging er als zweiter Sekretär an die britische Botschaft in Washington D.C. – nach Macleans Abzug hatten die Sowjets damit erneut einen hochrangigen Spion in einer Schlüsselposition.
Die spektakuläre Flucht
Am 25. Mai 1951, einem Freitag, machten sich Maclean und Burgess auf den Weg nach Southampton, bestiegen dort eine Fähre nach Frankreich – und verschwanden spurlos. Ihre Flucht verursachte in der Presse großes Aufsehen, doch die beiden blieben jahrelang verschollen. Nicht nur das: Melinda Maclean verschwand zusammen mit ihren drei Kindern im September 1953 ebenfalls spurlos aus der Schweiz.
Die politischen Hintergründe des Wiederauftauchens
Warum inszenierte die sowjetische Führung dieses Wiederauftauchen im Februar 1956? Parteichef Nikita Chruschtschow hatte nur zwei Wochen zuvor noch heftig bestritten, dass Maclean in Moskau lebe, nachdem er dort von einem britischen Besucher erkannt worden war.
„Amtliche Kreise in London sind der Auffassung, dass die Sowjetführer das Thema Burgess–Maclean noch vor ihrem bevorstehenden Englandbesuch aus der Welt schaffen wollten“, berichtete die Presse damals. Andere Beobachter vermuteten, der Kreml wolle nach gescheiterten Initiativen gegenüber den USA nun wieder auf Großbritannien setzen oder einen Keil zwischen die beiden westlichen Verbündeten treiben.
Das spätere Schicksal der Verräter
Knapp sieben Jahre nach dem Treffen im Hotel National floh auch Kim Philby, der dritte Mann der Cambridge Five, nach Moskau. Hier begann er ein Verhältnis mit Melinda Maclean, die ihres alkoholsüchtigen Ehemanns längst überdrüssig war.
Burgess starb bereits im August 1963; Donald Maclean hielt eine Rede vor der Einäscherung und lobte seinen Mitverräter als „einen begabten und mutigen Mann, der sein Leben dem Ziel einer besseren Welt widmete“. Maclean selbst starb 1983 und Philby 1988, beide in der Sowjetunion.
Anthony Blunt, der auch Direktor der königlichen Gemäldesammlung war, wurde 1964 enttarnt, doch sein Verrat blieb zunächst geheim. Erst 1979 wurde seine Arbeit für das NKWD öffentlich, und sogar erst 1991 die Rolle von Cairncross. Ihre letzten Lebensjahre verbrachten beide als Verfemte, aber in guten finanziellen Verhältnissen; verurteilt wurden sie nie, ebenso wenig wie die anderen Mitglieder der Cambridge Five.
Das fünfminütige Treffen im Hotel National von Moskau war mehr als nur eine Pressekonferenz – es war eine sorgfältig inszenierte Propagandaaktion im Kalten Krieg, die die tiefen Verwerfungen und geheimen Fronten dieser Ära auf dramatische Weise offenbarte.



