Irans Angriffe auf Golfstaaten: Das Dilemma zwischen Abwehr und Eskalation
Seit Samstag beschäftigen massive iranische Angriffe mit Hunderten Raketen und Drohnen die arabischen Golfstaaten. Kuwait, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sehen sich einem Szenario gegenüber, das sie lange befürchtet hatten: einem Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran, der auch sie unweigerlich in den Konflikt hineinzieht. Mit jedem weiteren Angriff drängt sich jedoch die brennende Frage auf: Warum schlagen diese wohlhabenden und militärisch gut ausgestatteten Länder nicht entschlossen zurück?
Die fragile Balance zwischen Stärke und Zurückhaltung
Ahmed al-Chusaje, ein politischer Berater in Bahrain, beschreibt die Situation als eine „vorsichtige Balance“ zwischen militärischer Abschreckung gegenüber dem Iran und strategischer Zurückhaltung. Die Golfstaaten dürfen keinesfalls als passiv oder schwach erscheinen, doch gleichzeitig wollen sie einen größeren Krieg auf eigenem Boden mit allen Mitteln vermeiden. Dieser Balanceakt hat nicht nur symbolische, sondern auch handfeste wirtschaftliche Gründe.
Länder wie die Emirate, Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und Oman haben sich über Jahrzehnte den Ruf als Inseln der Stabilität in einer von Konflikten geplagten Region erarbeitet. Diese Wahrnehmung ist essenziell, um sowohl die politische Stabilität im Inneren zu wahren als auch internationale Touristen und Investoren anzuziehen. Letztere sind von entscheidender Bedeutung, um den dringend notwendigen Umbau der stark von Öl und Gas abhängigen Volkswirtschaften zu finanzieren.
Begrenzte Angriffe mit katastrophalen Folgen
Die iranischen Angriffe richten sich nicht nur gegen US-Militärstützpunkte, sondern zielen auch auf US-Botschaften, Hotels, Flughäfen sowie Wohn- und Industriegebiete. Für pulsierende Metropolen wie Doha, Dubai oder Manama stellen selbst begrenzte Treffer an solch sensiblen Orten eine Katastrophe dar – sowohl in materieller Hinsicht als auch im Hinblick auf den Imageschaden. Die Behörden reagieren mit einer streng kontrollierten Informationspolitik. Sie sprechen von „begrenzten Attacken“ oder „kleinen Bränden“, die schnell unter Kont gebracht wurden. Die Verbreitung von Fotos oder Videos der angegriffenen Orte kann strafrechtlich verfolgt werden, und Kritik an der Regierung ist in vielen Golfstaaten untersagt.
Präsident Mohammed bin Sajid von den Vereinigten Arabischen Emiraten unternahm demonstrativ einen Spaziergang durch ein Einkaufszentrum in Dubai, um Normalität zu signalisieren. Auch der Flugverkehr wurde nach kurzen Unterbrechungen vorsichtig wieder aufgenommen. Doch Augenzeugen berichten seit Tagen von lauten Explosionen am Himmel, wenn Raketen und Drohnen von den Luftabwehrsystemen abgefangen werden.
Die astronomischen Kosten der Verteidigung
Die Flugabwehr leistet, insbesondere in den Emiraten, beeindruckende Arbeit – doch zu einem horrenden Preis. Eine Forscherin des Stimson Center in den USA rechnete vor, dass die Emirate allein am Samstag und Sonntag bis zu 2,2 Milliarden US-Dollar für den Einsatz von Patriot-Raketen zur Luftabwehr ausgegeben haben könnten. Demgegenüber lagen die Kosten für die von Iran ausgeführten Angriffe auf das Land bei schätzungsweise nur bis zu 360 Millionen Euro. Der Finanzdienst Bloomberg berichtete zudem, dass der Vorrat an Abwehrraketen Katars beim derzeitigen Abwehrtempo in nur vier Tagen aufgebraucht sein könnte. Sowohl Katar als auch die Emirate wiesen diesen Bericht als falsch zurück.
Das strategische Dilemma: Gastgeber der US-Truppen
Die Golfstaaten stecken in einem tiefgreifenden strategischen Dilemma: Als Gastgeber Zehntausender US-Soldaten und aufgrund ihrer geografischen Nähe zum Iran sind sie ein leichtes Ziel für Vergeltungsangriffe aus Teheran. Würden sie ihrerseits den Iran angreifen, würden sie zu aktiven Kriegsparteien werden – ein Szenario, das sie unbedingt vermeiden wollen. Militärisch hätten die Golfstaaten wohl nur gemeinsam eine Chance gegen den Iran, angeführt von Saudi-Arabien, das 2024 laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri die höchsten Militärausgaben im Nahen Osten tätigte. Bislang setzten diese Länder jedoch vor allem auf die Sicherheitsgarantien und die militärische Präsenz der USA.
Irans mehrstufige Angriffsstrategie
Am vierten Tag des Konflikts deutet nichts auf eine Entspannung hin. Iranischen Analysten zufolge, die Sicherheitskreisen nahestehen, verfolgen die iranischen Revolutionsgarden eine mehrstufige Strategie. Zunächst nehmen sie US-Radarsysteme in den Golfstaaten ins Visier, um dann kostengünstige Drohnen und Raketen abzufeuern und so die teuren Flugabwehrsysteme der Gegenseite zu erschöpfen. In späteren Phasen könnten fortschrittlichere Waffen zum Einsatz kommen. Eine Analyse der Denkfabrik Chatham House kommt zu dem Schluss, dass die iranische Führung wenig Anreize hat, sich in einem Überlebenskampf zu mäßigen. Mit Gegenangriffen weit über Israel hinaus versucht Teheran wohl, die Kriegskosten in die Höhe zu treiben und über die mit den USA verbündeten Golfstaaten Druck auf Washington auszuüben.
Die Rhetorik der Zurückhaltung
Der schwierige Balanceakt spiegelt sich auch in der offiziellen Rhetorik wider. Während die Angriffe auf das Schärfste verurteilt werden, halten sich die Golfstaaten mit direkten Drohungen weitgehend zurück. Katars Außenamtssprecher Madschid al-Ansari betonte gegenüber CNN, die Angriffe dürften nicht ohne Antwort bleiben und müssten einen „Preis“ haben – bleibt mit dieser scharfen Formulierung bisher jedoch weitgehend isoliert. Es wird deutlich, dass die Golfstaaten kaum wochenlang Angriffe abfangen können, ohne irgendwann selbst zurückschlagen zu müssen. Der ehemalige US-Diplomat Dennis Ross vom Washington Institute spekuliert, dass sich Teheran möglicherweise verkalkuliert hat und die Gegenangriffe eher zu einer Isolation Irans und einem engeren Zusammenhalt der Golfstaaten gegen das Regime führen könnten.
Für die Menschen in der Region – ob Einheimische oder Besucher – bedeuten die anhaltenden Angriffe und die unsichere Lage einen tiefen Schock. Sie stellen die hart erarbeitete Wahrnehmung der Golfstaaten als sichere und stabile Oasen in einer unruhigen Welt auf eine harte Probe. Die kommenden Tage werden zeigen, wie lange die fragile Balance zwischen defensiver Stärke und der Angst vor einer Eskalation aufrechterhalten werden kann.



