Nachträgliche Ehrung in Aachen: Kolesnikowa erhält Karlspreis nach Haftentlassung
Fast fünf Jahre Gefängnis und Isolation liegen hinter ihr – doch Maria Kolesnikowa ist frei und kämpft unvermindert weiter. Die belarussische Bürgerrechtlerin nahm nun im Aachener Rathaus nachträglich den Karlspreis entgegen, der ihr bereits im Jahr 2022 zuerkannt worden war. Damals saß die 43-Jährige noch in ihrer Heimat Belarus hinter Gittern. In ihrer bewegenden Dankesrede appellierte sie eindringlich an Europa, in dieser „Zeit großer Unsicherheit“ an seinen grundlegenden Werten festzuhalten.
Appell für europäische Werte und Freiheit
„Gerade jetzt zeigt sich, was Europa wirklich ausmacht“, erklärte Kolesnikowa vor den versammelten Gästen. „Nicht Macht, nicht Angst, nicht Gewalt. Sondern Menschen, die zusammenstehen, Menschen, die Würde bewahren, Menschen, die Freiheit verteidigen.“ Die Aktivistin betonte, dass manchmal die „Stimme der Aggression“ am lautesten zu sein scheine. „Unsere Stimmen müssen stärker sein“, forderte sie mit Nachdruck.
Die Flötistin gehörte im Jahr 2020 zu den führenden Persönlichkeiten der Massenproteste, die nach der von massiven Manipulationsvorwürfen überschatteten Präsidentenwahl in Belarus ausbrachen. Machthaber Alexander Lukaschenko, ein enger Verbündeter des russischen Präsidenten Wladimir Putin, ließ sie daraufhin verhaften und zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilen. Erst im Dezember 2025 kam Kolesnikowa frei, als Lukaschenko unter internationalem Druck, insbesondere aus den USA, mehr als 120 politische Gefangene entließ.
Symbolisches Herz und politische Botschaft
Unvergessen bleibt der Moment aus dem Jahr 2021, als Kolesnikowa im Gerichtssaal mit gefesselten Händen ein Herz formte – eine Geste, die weltweit für Aufsehen sorgte. Aachens Oberbürgermeister Michael Ziemons von der CDU erinnerte in seiner Rede an diese symbolträchtige Handlung. „Dieses Herz ist zu einem Symbol geworden“, sagte er, „für die Kraft eines menschlichen Willens, der sich dem Unrecht nicht beugt.“ Der Karlspreis gilt als eine der bedeutendsten Auszeichnungen für Verdienste um die europäische Einigung und Verständigung.
Doch die Lage in Belarus bleibt nach wie vor dramatisch: Über 1000 Menschen sitzen noch immer aus politischen Gründen in Haft. „Darum spreche ich heute auch für sie“, betonte die Karlspreisträgerin in ihrer Ansprache. Seit ihrer Freilassung setzt sie sich unermüdlich für eine diplomatische Initiative der EU-Staaten gegenüber Belarus ein, die Reisen und Austausch erleichtern soll.
Warnung vor wachsendem russischen Einfluss
Kolesnikowa machte in ihren Ausführungen deutlich, dass Europa für sie vor allem eine Gemeinschaft von Werten darstellt: „Menschenwürde, Meinungsfreiheit, das Recht der Menschen, ihre Zukunft selbst zu bestimmen – und unsere Kultur.“ Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur äußerte sie in Aachen besorgniserregende Gedanken zur Zukunft der jungen Generation in Belarus.
„Noch fünf Jahre weiter, und dann haben wir eine jüngere Generation, die gar keine Ahnung mehr davon hat, was Europa ist und für welche Werte wir 2020 gekämpft haben“, warnte die Aktivistin. „Und das ist, finde ich, ein großes Problem, weil sich diese jungen Leute dann Russland zuwenden werden – weil sie keinen alternativen Weg kennen, weil sie keine Möglichkeit hatten, die Luft der Freiheit einzuatmen.“ Derzeit gebe es für junge Belarussen kaum Gelegenheiten, die Europäische Union oder die USA kennenzulernen.
Am Rande der feierlichen Verleihung trug sich Maria Kolesnikowa in das goldene Buch der Stadt Aachen ein – ein weiteres Zeichen der Verbundenheit und des fortwährenden Engagements für demokratische Werte und Menschenrechte.



