Merz und Lula vertiefen Partnerschaft: Handel, Rüstung und UN-Reform im Fokus
Merz und Lula vertiefen deutsch-brasilianische Partnerschaft

Deutsch-brasilianische Regierungskonsultationen in Hannover

Die Verstimmungen nach dem ersten Brasilien-Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz sind längst verklungen. Bei den deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen in Hannover standen Wirtschaftsfragen, die Vereinten Nationen und die Positionierung gegenüber US-Präsident Donald Trump im Mittelpunkt. Am Ende ging es sogar noch um die Wurst – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Rohstoffpartnerschaft

Eine Verdoppelung des Handelsvolumens und eine intensivierte Kooperation bei Rüstungsgütern und kritischen Rohstoffen: Das sind die zentralen Ziele, die Deutschland und Brasilien für ihre künftige Partnerschaft definiert haben. „Die Nähe zwischen unseren beiden Ländern ist notwendiger denn je in einer Zeit, in der sich die Weltordnung so grundlegend verändert“, betonte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Präsident Luiz Inácio Lula da Silva.

Merz und seine Frau Charlotte hatten Lula und dessen Ehefrau Janja bereits am Sonntag auf Schloss Herrenhausen empfangen und gemeinsam die Hannover Messe eröffnet. Die eigentlichen Regierungskonsultationen folgten dann mit insgesamt fünfzehn Ministern beider Seiten.

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Das vorläufige Inkrafttreten des Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay zum 1. Mai bietet hierfür ausgezeichnete Rahmenbedingungen. Merz äußerte die Hoffnung, das Handelsvolumen mit Brasilien „in den nächsten Jahren“ verdoppeln zu können.

„Wir wollen die Stärken unserer Volkswirtschaften gemeinsam entfalten, und zwar als wichtige Handelspartner“, erklärte der Bundeskanzler. Gleichzeitig plädierte er für eine gemeinsame Verringerung wirtschaftlicher Abhängigkeiten. „Das ist ein Gebot der Stunde in einer Welt, die eben unberechenbar geworden ist. Wir vertiefen unsere Kooperation im Bereich kritischer Rohstoffe“, so Merz weiter. Brasilien ist für Deutschland insbesondere als Lieferant seltener Erden von großer Bedeutung, die für die Produktion von Laptops, Mobiltelefonen und Elektromotoren benötigt werden.

Gemeinsames Engagement für UN-Reform und Kritik an Trump

Lula und Merz machten sich zudem gemeinsam für eine umfassende Reform der Vereinten Nationen stark. Beide Länder beanspruchen seit Langem ständige Sitze im UN-Sicherheitsrat, in dem gegenwärtig nur die fünf Atommächte USA, China, Russland, Großbritannien und Frankreich permanent vertreten sind und über ein Vetorecht verfügen. Bislang sind alle Reformbemühungen der vergangenen Jahrzehnte vor allem an diesem Vetorecht gescheitert.

Der brasilianische Präsident setzte bei dem Treffen zudem seine scharfen Attacken gegen US-Präsident Donald Trump fort. Den von den USA und Israel begonnenen Iran-Krieg hatte er bereits am Vortag als „Wahnsinn“ bezeichnet. Nun kritisierte er Trumps Entscheidung, Südafrika vom nächsten G20-Gipfel in Florida auszuschließen, auf das Schärfste.

Er habe dem südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa geraten, trotzdem zu dem Treffen zu kommen, sagte Lula. „Wenn man heute Südafrika rauswirft, wird morgen Deutschland rausgeworfen, wird Brasilien rausgeworfen.“ Er rief die deutsche Regierung ausdrücklich dazu auf, gemeinsam mit ihm auf eine Teilnahme Südafrikas zu drängen.

Trump hatte angekündigt, Südafrika nicht zu dem G20-Gipfel im Dezember in seinem Hotel „Trump National Doral Miami“ einzuladen. Der Republikaner wirft Südafrika vor, einen Völkermord an weißen Bauern zu begehen – eine Darstellung, die Fachleute und die südafrikanische Regierung entschieden zurückweisen.

Rüstungskooperation und atmosphärische Korrekturen

Auch im Rüstungssektor streben Deutschland und Brasilien eine vertiefte Zusammenarbeit an. Lula zeigte sich an vier weiteren Fregatten des Typs Tamandaré von Thyssenkrupp Marine Systems interessiert. Derzeit sind bereits vier Einheiten dieser Klasse in Brasilien im Bau. „Heute machen wir Fortschritte bei den Bemühungen um den Erwerb vier weiterer Einheiten“, bestätigte der brasilianische Präsident. Zudem laufen Gespräche über gepanzerte Fahrzeuge, Luftabwehrsysteme und Drohnentechnologien.

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Bei dem Besuch galt es jedoch auch, einige atmosphärische Verstimmungen auszuräumen. Der erste Brasilien-Besuch des Kanzlers hatte vorübergehend für Irritationen gesorgt. Nach seiner Rückkehr von der Weltklimakonferenz in der Amazonas-Metropole Belém hatte Merz sich in einer Weise über die sehr arme Stadt geäußert, die viele Brasilianer als beleidigend und abschätzig empfanden. Zwar hatte Lula ihn zunächst dafür kritisiert, sich dann aber beim G20-Gipfel in Johannesburg wieder mit ihm versöhnt.

Kulinarische Enttäuschung: Die Wurst vom Schlosskoch

Vielleicht als Geste der Wiedergutmachung versuchte Merz, seinem brasilianischen Gast einen besonderen Wunsch zu erfüllen. Lula hatte vor seiner Abreise in einem „Spiegel“-Interview geäußert: „Ich habe ihm gesagt, wenn ich nach Deutschland reise, esse ich gerne Wurst vom Straßenimbiss.“

Merz ließ ihm daher vor dem festlichen Mittagessen auf Schloss Herrenhausen „eine Auswahl von Wurstspezialitäten“ servieren. Doch so richtig freuen konnte sich Lula darüber nicht – er hatte sich explizit eine Wurst vom Imbiss und nicht vom Schlosskoch gewünscht. „Das Einzige, was ich bedaure, ist, dass ich an keiner Straße vorbeigekommen bin, an der ein Imbisswagen stand, der Bratwürste oder Bratwurst im Wagen verkaufte“, bedauerte der Präsident mit einem Schmunzeln.

Die deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen in Hannover haben somit nicht nur substantielle Fortschritte in den bilateralen Beziehungen gebracht, sondern auch für einige menschliche und kulinarische Anekdoten gesorgt.