Bundeskanzler Friedrich Merz hat das Ziel ausgegeben, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel begrüßt diesen Anspruch, sieht jedoch noch einen weiten Weg bis zur Umsetzung. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam über die aktuellen Herausforderungen.
Militärstrategie als erster Schritt
Seit vergangener Woche verfügt Deutschland erstmals über eine Militärstrategie. Neitzel bewertet dies als positiven Rahmen, auch wenn das entscheidende Dokument geheim sei. „Es ist gut, Russland klar als Feind zu benennen und die Herausforderungen des künftigen Gefechtsfelds zu skizzieren“, sagt er. Die konkrete Vorbereitung der Bundeswehr bleibe jedoch die zentrale Frage.
Personalaufwuchs in homöopathischer Dosis
Verteidigungsminister Boris Pistorius strebt 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten an. Neitzel sieht die Bundeswehr erst am Anfang: „Die Zahl der Soldaten stieg von 182.000 auf 185.000. In diesem Tempo wären wir erst 2050 am Ziel.“ Zudem gingen neue Freiwillige eher in den Heimatschutz als in die Kampfverbände. Der Historiker plädiert daher für eine Auswahlwehrpflicht von zwölf bis 15 Monaten, um genügend Mannschaftssoldaten zu gewinnen.
Zeitenwende: Fortschritte und Baustellen
Vier Jahre nach der Zeitenwende von Olaf Scholz sieht Neitzel sowohl Erfolge als auch Defizite. Das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro habe Investitionsrückstände abgebaut, etwa bei F-35-Kampfjets und dem Raketenabwehrsystem Arrow3. „Dennoch müssen wir noch viel mehr tun“, betont er. Größte Baustellen seien der Digitalfunk und die Drohnenabwehr. „Kein Staat hat eine Antwort auf Drohnenschwärme in der Landkriegsführung.“
Europas sicherheitspolitische Schwäche
Neitzel kritisiert die mangelnde Eigenständigkeit Europas in der Sicherheitspolitik. Nach dem Kalten Krieg habe man die Verantwortung an die USA ausgelagert. „Dafür zahlen wir jetzt die Zeche mit sicherheitspolitischer Bedeutungslosigkeit.“ Die Europäer seien nicht in der Lage, für Sicherheit zu sorgen – weder in der Ukraine noch im Nahen Osten.
Pistorius: Beliebtheit und Realität
Obwohl Verteidigungsminister Pistorius in Umfragen hohe Beliebtheit genießt, bleibt Neitzel skeptisch: „Die Bevölkerung versteht wenig von Verteidigungspolitik. Die Generale wissen, ob wir vorankommen, aber sie äußern sich nicht.“ Er fordert mehr Tempo und Tiefe bei Strukturreformen.
Marineeinsatz in der Straße von Hormus
Die Vorbereitung der Marine auf einen Einsatz in der Straße von Hormus hält Neitzel für militärisch fragwürdig. „Der Schwerpunkt sollte auf Ostsee und Nordsee liegen. Die Bundeswehr darf nicht wie eine Streubüchse über den Globus geschickt werden.“



