Weckruf vom erfahrenen Diplomaten: Europa in der Gefahrenzone
Der ehemalige deutsche Botschafter in Polen, Rolf Nikel, äußert sich in einem aktuellen Gespräch mit deutlichen Warnungen vor den geopolitischen Entwicklungen. Der 71-jährige Diplomat, der seit Anfang der 1990er Jahre im Auswärtigen Dienst tätig war und bis 2020 Deutschland in Polen vertrat, sieht die Weltordnung ins Wanken geraten.
Kritik an US-Präsident Donald Trump
Besonders scharf geht Nikel mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump ins Gericht. Er bezeichnet ihn als „aggressiven Nationalisten“, der sich ursprünglich als Isolationist habe wählen lassen. Trump vermische systematisch Staatsinteressen mit persönlichen politischen und wirtschaftlichen Zielen. „Trump macht keinen Unterschied“, so Nikels ernüchternde Feststellung. Für die klassische Diplomatie stelle dies ein fundamentales Problem dar, da dies nicht dem europäischen Verständnis von zwischenstaatlichen Beziehungen entspreche.
Noch deutlicher wird der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik bei der Bewertung von Trumps außenpolitischer Bilanz: „Ich habe noch keinen Konflikt gesehen, der von ihm längerfristig wirklich gelöst wurde.“ Statt nachhaltiger Lösungen verfolge der US-Präsident eine Strategie kurzfristiger Deals, was Nikel als „brandgefährlich“ einstuft.
Amerikas Rückzug als Weltpolizist
Doch Trump ist laut Nikel nicht das einzige Problem. In den Vereinigten Staaten habe sich ein grundlegender Mentalitätswandel vollzogen. Immer mehr US-Bürger und Politiker verträten die Haltung: „Wir wollen nicht mehr für die Welt bezahlen“ und „Wir wollen nicht der Weltpolizist sein.“ Diese Einstellung reiche weit über die aktuelle Administration hinaus und signalisiere einen dauerhaften strategischen Rückzug Amerikas aus seiner globalen Führungsrolle.
Europas dringende Verantwortung
Für Europa bedeute diese Entwicklung deutlich mehr Verantwortung und gleichzeitig erhöhte Risiken. Deutschland allein sei mit dieser Herausforderung überfordert: „Deutschland kann das allein nicht schaffen.“ Daher müsse der europäische Kontinent enger zusammenrücken und vor allem an Stärke gewinnen.
Nikel formuliert es unmissverständlich: „Europa muss die Sprache der Macht lernen.“ Bisher fehle es genau an den notwendigen Voraussetzungen: militärische Stärke, wirtschaftliche Durchsetzungskraft und der politische Wille, beides konsequent einzusetzen. Seine Warnung fällt drastisch aus: „Wenn wir nicht der Koch sein wollen, dann sind wir auf der Speisekarte.“ Wer nicht aktiv mitgestalte, werde zum Objekt der Entscheidungen anderer.
Deutschlands verpasste Zeitenwende
Auch die von der Bundesregierung ausgerufene „Zeitenwende“ bewertet der erfahrene Diplomat als grundsätzlich richtigen Schritt. Allerdings kritisiert er die Umsetzung scharf: „Vieles kam zu spät.“ und „Vieles wurde nicht ausreichend umgesetzt.“ Deutschland hinke insbesondere bei der Aufrüstung und der nationalen Sicherheit dramatisch hinterher.
Nikel fordert eine neue Balance zwischen Härte und Diplomatie: „Man braucht militärische und wirtschaftliche Stärke – und Dialog.“ Nur eines von beidem reiche nicht aus. „Sonst führt das ins Nichts“ – eine zentrale Erkenntnis, die er auch in seinem neuen Buch „Der schmale Grat – Die Kunst der Diplomatie in Zeiten des Umbruchs“ ausführlich darlegt.
Russland und die Ukraine-Frage
Im Umgang mit Russland brauche es ebenfalls mehr Entschlossenheit bei gleichzeitiger Gesprächsbereitschaft. Derzeit werde Europa im Kreml nicht ernst genommen: „Russland nimmt uns nicht ernst, weil wir wirtschaftlich und militärisch nicht in derselben Klasse spielen.“
Beim Ukraine-Krieg wird Nikel besonders deutlich: „Die Ukraine kämpft für unsere Freiheit.“ Daher müsse der Westen die ukrainische Seite weiterhin uneingeschränkt unterstützen. Alles andere wäre gefährlich, denn: „In der Ukraine wird über die Zukunft Europas entschieden.“
Seine Prognose fällt düster aus: Der Krieg werde sich fortsetzen. „Ich befürchte eine Fortsetzung des Konflikts.“ Putin sitze fest im Sattel und Russland habe sich wieder imperialistischen Zielen verschrieben – ein Rückfall in alte, gefährliche Zeiten.
Instabilität im Nahen Osten
Auch für den Nahen Osten sieht Nikel wenig Grund zur Hoffnung. „Wir müssen mit Instabilität und Unordnung rechnen.“ Die Region bleibe ein Unsicherheitsfaktor ersten Ranges.
Die Kernbotschaft des erfahrenen Diplomaten bleibt unüberhörbar: Die Welt wird gefährlicher, Europa ist zu schwach und die Zeit zum Handeln läuft unaufhaltsam ab. Es bedarf eines grundlegenden Kurswechsels in der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik, bevor es zu spät ist.



