Ein spektakulärer Fall von Bücherdiebstahl beschäftigt die Justiz in Paris: Sechs georgische Staatsbürger wurden zu Haftstrafen zwischen 18 Monaten auf Bewährung und sieben Jahren ohne Bewährung verurteilt. Sie hatten aus europäischen Bibliotheken wertvolle Erstausgaben russischer Klassiker gestohlen und durch perfekte Fälschungen ersetzt. Der Gesamtschaden wird auf rund 2,5 Millionen Euro geschätzt.
Die „Operation Puschkin“: Ein gut geplanter Raubzug
Die Täter gingen äußerst raffiniert vor. Am 11. Oktober 2023 erschien Valerian R. in der Bibliothek Diderot in Lyon und bat um Werke von Alexander Puschkin, die vor 1894 erschienen waren. Er fotografierte die Bücher, nahm Maße und machte Notizen. Später besuchte er auch die französische Nationalbibliothek in Paris. Das Personal wurde misstrauisch, aber die Originale schienen noch da zu sein. Erst eine aufmerksame Doktorandin entdeckte, dass es sich um Fälschungen handelte. Die Buchdeckel und Seiten waren künstlich gealtert, die Originale verschwunden.
Die Bande hatte es auf insgesamt 170 Werke abgesehen, hauptsächlich von Puschkin, aber auch von Gogol und Lermontow. Die Diebstähle ereigneten sich in einem Dutzend Bibliotheken in Lyon, Paris, Berlin, Warschau, Helsinki sowie den baltischen Hauptstädten. Europol nannte die Aktion „Operation Puschkin“.
Die Spur nach Russland
Vor Gericht gestanden die Angeklagten die Taten, betonten jedoch, sie hätten eigenständig gehandelt. „Ich habe allein gehandelt“, erklärte der mutmaßliche Kopf der Bande, der georgische Buchhändler Mikhail Z. Doch die Ermittler gehen von einem Auftraggeber aus. Die Reproduktion der Bücher soll über Komplizen in Russland erfolgt sein. Eine Spur führt zum Moskauer Auktionator Maxim Tsipris, der laut Europol fünf Geldüberweisungen auf Konten von Mikhail Z. vorgenommen haben soll.
Der russische Nationalismus spielt eine Rolle: Nationaldichter Puschkin wird seit dem Ukraine-Krieg verstärkt verehrt. Während in Kiew Puschkin-Statuen gestürzt wurden, stellt Präsident Wladimir Putin den Dichter in den Dienst des imperialen Gedankens. Ob die Fäden der Operation im Kreml zusammenlaufen, ist nicht bewiesen, aber Pariser Medien sehen den „Schatten des Kremls“ über der Affäre.
Hintergründe und Motivation
Die gestohlenen Werke sind auf dem Schwarzmarkt schwer zu verkaufen, da sie unter Antiquaren zu bekannt sind. Möglicherweise sollten sie in russische Sammlungen zurückgeführt werden. Oligarchen könnten versuchen, sich bei Putin beliebt zu machen, indem sie die wertvollen Drucke für Russland sichern. Der Fall zeigt, wie kulturelles Erbe zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen wird.
Das Urteil in Paris ist gefallen, doch die Fragen nach den Hintermännern bleiben offen. Die georgischen Diebe haben gestanden, aber die wahren Drahtzieher könnten in Russland sitzen – vielleicht mit direkter Verbindung zum Kreml.



