Putins hybride Kriegsführung gegen Nordeuropa
Parallel zum offenen Krieg in der Ukraine führt der russische Despot Wladimir Putin einen hybriden Krieg gegen das Baltikum und Nordeuropa. Seit über zwei Jahren häufen sich in Ländern wie Estland, Lettland und Litauen Vorfälle, die einzeln betrachtet klein erscheinen mögen, in ihrer Gesamtheit jedoch ein alarmierendes Muster offenbaren: Russland testet systematisch und mit zunehmender Aggressivität die Grenzen dessen, was es gegen die Nato-Staaten unternehmen kann.
Systematische Angriffe auf kritische Infrastruktur
Recherchen der „Neuen Zürcher Zeitung“ zeigen das schamlose Vorgehen des Kremls. Anfang 2025 verübten zwei mutmaßlich vom Kreml angeheuerte Männer einen Brandanschlag auf ein Restaurant in Tallinn. In Lettland waren mehr als 300 Schulen und rund 400 Kindergärten von Bombendrohungen betroffen. In Estland tauchten bewaffnete Russen an einer viel befahrenen Schnellstraße auf. Immer wieder werden Gleise und Seekabel zerstört, während überlebenswichtige GPS-Signale für Flugzeuge und Schiffe ausgeschaltet werden.
Hinter diesen Angriffen stehen oft keine klassischen Geheimdienstagenten, sondern einfache Kollaborateure, die über das Internet angeworben werden. Sie erhalten Geld für scheinbar einfache Aufträge: etwas anzünden, beschädigen oder platzieren. Für die Drahtzieher im Hintergrund ist dieses Vorgehen risikoarm, für die Ermittler vor Ort jedoch äußerst schwer nachzuverfolgen. Nicht jeder einzelne Vorfall lässt sich eindeutig Russland zuordnen, doch das Muster ist für Sicherheitsbehörden vertraut: ähnliche Methoden, ähnliche Ziele, immer wieder dieselben Regionen im Nordosten Europas.
Warum Europa zum Ziel wird
Dass Russland hinter Angriffen wie dem sogenannten „GPS-Jamming“ – der Störung von Orientierungssystemen – steckt, ist für Sicherheitsexperten sonnenklar. Dr. Christian Mölling erklärt die Motive Putins: „Erstens, weil es effektiv ist. Die Zersetzung europäischer Gesellschaften ist etwas, was Russland offensichtlich besser kann, als gegen die Ukraine zu kämpfen. Und zweitens: Wir lassen ihn.“ Europa sei viel zu scheu bei der Verabschiedung schlagkräftiger Gesetze und bei der Gegenwehr. „Viele Gegenmaßnahmen sind nicht verboten. Wir sind bloß einfach zu träge“, so Mölling weiter.
Die hybriden Angriffe dienen nicht nur der Destabilisierung, sondern auch der Erprobung von Schwachstellen in der europäischen Sicherheitsarchitektur. Jeder erfolgreiche Vorfall ermutigt den Kreml zu weiteren Eskalationen, während die betroffenen Staaten mit der Bewältigung der unmittelbaren Folgen beschäftigt sind.
Die Herausforderung für Sicherheitsbehörden
Die Ermittlungsbehörden stehen vor der schwierigen Aufgabe, diffuse Netzwerke von Kollaborateuren aufzudecken, die oft nur lose mit russischen Stellen verbunden sind. Die Anwerbung erfolgt häufig über verschlüsselte Kanäle im Internet, die Bezahlung über Kryptowährungen. Dies erschwert nicht nur die Identifizierung der Täter, sondern auch den Nachweis der direkten Verantwortung des Kremls.
Gleichzeitig müssen die Sicherheitskräfte in den betroffenen Ländern mit einer Flut von Vorfällen umgehen, die von Bombendrohungen über physische Sabotageakte bis hin zu cyberbasierten Angriffen reichen. Die Ressourcen sind begrenzt, während die Bedrohungslage sich ständig weiterentwickelt und neue Formen annimmt.



