Selenskyj setzt auf langfristige US-Garantien unabhängig von Trump
Der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj hat in einem exklusiven Interview mit dem britischen Sender BBC deutlich gemacht, dass er bei den Sicherheitsgarantien der Vereinigten Staaten für sein Land auf langfristige institutionelle Abkommen setzt und nicht auf die politischen Launen einzelner Präsidenten. „Präsidenten kommen und gehen, aber Institutionen bleiben“, betonte Selenskyj in dem Gespräch, das am Wochenende in einem streng gesicherten Raum der Regierungszentrale in Kiew stattfand.
Fokus auf Kongress und langfristige Verpflichtungen
Laut der Übersetzung aus dem Ukrainischen erklärte Selenskyj, dass die geplanten Sicherheitsgarantien aus guten Gründen vom US-Kongress abgestimmt werden müssten. „Es geht nicht allein um Präsident Donald Trump, auch das Parlament wird gebraucht“, so der ukrainische Präsident. Er verwies darauf, dass politische Führer nur für eine begrenzte Zeit im Amt seien, während die Ukraine Garantien für 30 Jahre oder länger benötige.
Der BBC-Journalist, der das Interview führte, fasste die Kernaussage Selenskyjs zusammen: „Donald Trump mag unzuverlässig sein, aber er wird nicht für immer da sein.“ Diese Einschätzung gewinnt vor dem Hintergrund besondere Bedeutung, dass Trumps zweite und laut US-Verfassung letzte Amtszeit in knapp drei Jahren endet.
Zukunft der Ukraine: Rückeroberung und Sicherheitsbedürfnisse
In dem ausführlichen Gespräch äußerte sich Selenskyj auch zur langfristigen Zukunft der Ukraine. Er betonte, dass die komplette Rückeroberung der besetzten Gebiete und die Rückkehr zu den Grenzen von 1991 nur eine Frage der Zeit sei, momentan aber noch nicht möglich wäre. „Die russische Armee ist zu mächtig, und der Verlust von Menschenleben – wir sprechen hier von Millionen Toten, die zu befürchten wären – wäre zu groß“, erklärte der Präsident.
Selenskyj nannte drei Hauptgründe für die derzeitige militärische Situation:
- Die Ukraine verfüge nicht über genügend Waffen für entscheidende Erfolge auf dem Schlachtfeld
- Die russischen Streitkräfte seien numerisch und materiell überlegen
- Jede größere Offensive würde unverhältnismäßig hohe Verluste fordern
Kategorische Ablehnung weiterer Gebietsabtretungen
Der ukrainische Präsident lehnte erneut kategorisch die Abtretung weiterer Landstriche in den teilweise besetzten Gebieten Donezk, Cherson und Saporischschja ab. „Ich betrachte das nicht einfach als Land. Für mich würde das Aufgeben bedeuten – eine Schwächung unserer Positionen, mit der wir Hunderttausende unserer Mitmenschen im Stich lassen würden, die dort leben“, so Selenskyj.
Er warnte zudem vor den innenpolitischen Konsequenzen solcher Zugeständnisse: „Ich bin sicher, dass dieser 'Rückzug' unsere Gesellschaft spalten würde.“ Diese klare Positionierung unterstreicht Selenskyjs Entschlossenheit, trotz der schwierigen militärischen Lage keine territorialen Kompromisse einzugehen.
Politische Zukunft und Wahlperspektiven
Zur Frage seiner eigenen politischen Zukunft ließ Selenskyj im Interview offen, ob er bei etwaigen Neuwahlen erneut als Präsident kandidieren würde. Er betonte jedoch, dass vor jeder solchen Abstimmung verlässliche Sicherheitsgarantien notwendig seien, um eine Manipulation der Wahl zu verhindern und die Ukraine dauerhaft vor russischen Annexionsbestrebungen zu schützen.
Das vollständige Interview wurde von Selenskyj auf Ukrainisch gegeben, anschließend veröffentlichte die BBC eine schriftliche Zusammenfassung mit Zitaten auf Englisch sowie einen kurzen Videoausschnitt des Gesprächs. Die Aussagen des ukrainischen Präsidenten verdeutlichen seine strategische Herangehensweise an die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, bei der er bewusst auf langfristige institutionelle Verpflichtungen setzt, die über die Amtszeit einzelner Politiker hinausreichen.



