Kurz vor dem Tag des Sieges in Moskau hat der Drohnenkrieg zwischen Russland und der Ukraine eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die von beiden Seiten angekündigten Waffenruhen halten nicht, stattdessen liefern sich die Konfliktparteien heftige Angriffe. Die Ukraine hatte eine einseitig erklärte Feuerpause bereits nach einem Tag wieder aufgekündigt und mit einem der größten bisherigen Drohnenangriffe auf russische Ziele reagiert.
Hintergrund: Tag des Sieges und geplante Waffenruhe
Am Freitag soll eine von Russland erklärte Waffenruhe um 0:00 Uhr Moskauer Zeit (23:00 Uhr MESZ) in Kraft treten. Für zwei Tage sollen die Waffen schweigen, während Russland feierlich an den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland am 8. Mai 1945 erinnert. Höhepunkt ist die Militärparade auf dem Roten Platz am Samstag, an der Kremlchef Wladimir Putin teilnehmen wird. Moskau hat für den Fall von Störungen durch die Ukraine Angriffe auf das Zentrum Kiews angedroht. Außenamtssprecherin Maria Sacharowa rief ausländische Diplomaten auf, die ukrainische Hauptstadt zu verlassen.
Russland meldet Rekordzahl abgefangener Drohnen
Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, über Nacht seien 347 feindliche Drohnen abgefangen worden. Diese Zahlen sind nicht unabhängig überprüfbar, stellen aber eine der höchsten je gemeldeten Zahlen dar. Betroffen waren fast alle Regionen in West- und Zentralrussland. Ein Angriffsziel lag nach übereinstimmenden Berichten beider Seiten in der Stadt Perm am Ural, rund 1.500 Kilometer von der Ukraine entfernt.
Selenskyj rechtfertigt Angriffe als Reaktion
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rechtfertigte die Angriffe trotz der einseitig erklärten Feuerpause. „Wir haben eine Waffenruhe ab Mitternacht des 6. Mai vorgeschlagen. Gestern und heute ist diese Waffenruhe von Russland gebrochen worden. Die spiegelbildliche Reaktion auf die russischen Angriffe sind unsere Langstrecken-Sanktionen“, schrieb er in sozialen Netzwerken. Mit „Langstrecken-Sanktionen“ meinte er Drohnenangriffe auf das russische Hinterland.
Selenskyj betonte, wenn Moskau den Pfad der Diplomatie einschlage, werde Kiew dies ebenfalls tun. Doch Russland töte weiter Menschen, „während es völlig irrational besessen ist von wenigen Stunden Stille in einem Teil von Moskau“. Zugleich griff die russische Armee nach Angaben des Kiewer Militärs auch in der Nacht zum Donnerstag mit Kampfdrohnen an. Die ukrainische Luftwaffe ortete 102 russische Drohnen, von denen 92 abgefangen wurden. Einschläge gab es an sechs Stellen; Verletzte wurden unter anderem aus Charkiw und Cherson gemeldet. Auf die Großstadt Dnipro wurde eine ballistische Rakete abgefeuert.
Kreml reagiert nicht auf ukrainischen Vorstoß
In den mehr als vier Jahren des von Putin befohlenen Angriffskrieges hat es mehrmals Feuerpausen über hohe Feiertage gegeben, die von Russland stets als eigene Entscheidung dargestellt wurden. Deshalb ging der Kreml auch diesmal nicht auf den ukrainischen Vorstoß ein. „Es gab keine Reaktion der russischen Seite darauf“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow auf die Frage, wie Moskau auf Kiews Ankündigung einer Feuerpause reagiert habe. Zugleich bekräftigte Peskow, dass Russland an der eigenen verkündeten Waffenruhe am 8. und 9. Mai festhalte.
Diplomatische Bemühungen stocken
Die Bemühungen um ein Ende des Krieges liegen derzeit auf Eis, auch weil die USA, die sich als Vermittler sehen, durch den Iran-Krieg abgelenkt sind. Dennoch soll der Chef des nationalen Sicherheitsrates der Ukraine, Rustem Umjerow, noch in dieser Woche nach Florida reisen, um mit Steve Witkoff zu sprechen, dem Sondergesandten von US-Präsident Donald Trump. Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Entwicklungen mit Sorge, da eine weitere Eskalation droht.



