Auf dem Friedhof Koserow auf der Insel Usedom haben Engagierte der Kriegsgräberfürsorge einen erschütternden Fund gemacht: In einer Grabstätte wurden 42 Kriegstote entdeckt – deutlich mehr als ursprünglich angenommen. Die Gebeine lagen in drei langen Gräben, „Schulter an Schulter“, wie Joachim Kozlowski vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge berichtete. Zuvor hatte die „Ostsee-Zeitung“ über den Fund berichtet.
Grabstein wies auf sechs Tote hin
Vor Ort befindet sich ein Grabstein mit der Aufschrift „Den unbekannten Opfern des Zweiten Weltkrieges“. Laut Kozlowski war man bisher von sechs Toten ausgegangen. „Dann gab es eine vage Aussage, dass es möglicherweise wohl auch mehr sein könnten. Aber dass es dann am Ende 42 wurden, damit hat keiner von uns gerechnet.“ Auf vielen deutschen Friedhöfen gebe es zwar Hinweise auf Kriegstote, doch teils befänden sich dort gar keine Toten.
Viele Frauen und Jugendliche unter den Opfern
Das Alter der Toten reicht von etwa 12 bis 70 Jahren. Besonders auffällig ist der hohe Anteil an Frauen. Insgesamt wurden zehn Erkennungsmarken gefunden, unter anderem die einer Marinehelferin. Es gebe Hinweise auf Behandlungen in einem Lazarett, so Kozlowski: „Es gab Menschen mit frischen Amputationsverletzungen, wo man beispielsweise Gliedmaßen abgesägt hatte. Es waren durchweg sehr deutliche Zeichen dafür, dass es sich zweifelsfrei um Kriegstote handelt.“
Spuren brutaler Gewalt
Neben Schussverletzungen fiel die Schwere der Verletzungen an den Schädeln auf. „Es gab wirklich viele Rückschlüsse auf erhebliche stumpfe Gewalt gegen den Kopf“, erklärte der 54-Jährige. „Ich gehe davon aus, dass viele dieser Menschen tatsächlich erschlagen worden sind.“
Volksbund klärt Verbleib von Kriegsopfern auf
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sucht und birgt im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote, bestattet sie würdig und pflegt ihre Gräber. Anhand der Erkennungsmarken können Anfragen von Angehörigen an das Bundesarchiv beantwortet werden. Jährlich werden allein im Inland zwischen 250 und 300 Tote geborgen – darunter Soldaten der Roten Armee, Wehrmachtsangehörige, Hitlerjungen, Volkssturmmänner, Zivilisten und Flüchtlinge.
Umbettung und neue Grabstätte
Kozlowski arbeitet seit über 17 Jahren als Umbetter. Normalerweise kommt er bei Spontanfunden auf Baustellen zum Einsatz, arbeitet dann allein. Bei größeren Maßnahmen wie in Koserow helfen Feldjäger der Bundeswehr. Der Boden wird mit Bodenradar oder Sondiernadeln untersucht, bevor ein Bagger mit einer Grabräumschaufel den Boden abträgt. Jeder Tote wird einzeln untersucht, die Gebeine werden in kleinen schwarzen Pappsärgen an anderer Stelle auf dem Friedhof beigesetzt. Bis zum Volkstrauertag im November soll dort eine neue Kriegsgräberstätte entstehen.
Weitere Funde auf Usedom
Nicht weit von Koserow entfernt, in Krummin, wurden mehrere deutsche Soldaten entdeckt. Zwei von ihnen trugen Erkennungsmarken, deren Verbleib bislang unbekannt war. Auch diese Toten sollen würdevoll beigesetzt werden. „Weil Trauer braucht einen Ort“, betont Kozlowski.
Kriegsgräberstätte auf dem Golm
Auf dem Golm, der mit 69 Metern höchsten Erhebung Usedoms, befindet sich eine bedeutende Kriegsgräberstätte. Dort sind Tausende Kriegsopfer beigesetzt – unter anderem Opfer amerikanischer Luftangriffe auf das nahegelegene Swinemünde im März 1945. Der Ort war damals ein wichtiger Wehrmachts- und U-Boot-Stützpunkt und mit Flüchtlingen überfüllt.
Appell für den Frieden
Kozlowski kommt dem Grauen des Krieges näher als die meisten Menschen. Er fordert: „Wir müssen wirklich mit aller Macht, mit allen Mitteln, die natürlich human sind, sämtliche Kriege einfach verhindern. Das ist unsere Aufgabe, unsere Pflicht. Ich dachte, wir wären schon lange über dieses Thema Krieg hinweg.“



