Seit 2022 ist sie die erste Nicht-Französin an der Spitze des Filmfestivals von Cannes: Iris Knobloch (63). Die gebürtige Münchnerin ist eine der einflussreichsten Frauen der internationalen Filmbranche. Kurz vor Eröffnung der 79. Filmfestspiele traf die AZ die Präsidentin zum exklusiven Gespräch. Dabei sprach sie über ihre Kindheit in München, die Bedeutung des Kinos und den diesjährigen Festivalplakatfilm „Thelma & Louise“.
Ein Leben für das Kino
Iris Knobloch leitete 15 Jahre lang das Frankreich- und Europa-Geschäft von Warner Bros. Ihre Liebe zum Film verdankt sie ihren Eltern, die sie früh mit ins Kino nahmen. Ihre Mutter Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, besucht das Festival jedes Jahr. „Seit ich Präsidentin bin, kam sie jedes Jahr – und auch dieses Jahr kommt sie. Das ist der schönste Moment des Festivals“, so Knobloch.
„Thelma & Louise“ – ein zeitloser Film
Der Film von 1991 ziert das Plakat des diesjährigen Festivals. Knobloch erinnert sich: „Das war einer meiner Lieblingsfilme. Er zeigt zwei Frauen, die sich ihre Freiheit nehmen, und vermittelt ein Abenteuergefühl.“ Die Botschaft sei auch 35 Jahre später aktuell: „Frauen haben heute mehr Präsenz, aber die Chancen sind noch nicht gleich. Der Kampf um Zugang zu Projekten und Finanzierung geht weiter. Die Message: Frauen müssen sich den Platz nehmen, nicht darauf warten, dass er ihnen angeboten wird.“
Die Kraft des Kinos
Auf die Frage nach der Relevanz des Kinos in Zeiten von Streaming sagt Knobloch: „Im Kino kann man nicht weiterscrollen. Man muss hinschauen. Kino schafft Empathie und die Möglichkeit, sich mit fremden Welten zu identifizieren. Ein Kinofilm kann ein kulturelles Phänomen werden, ein Streamingfilm selten.“ Streaming sei ergänzend, nicht ersetzend.
Münchner Wurzeln
„Ich bin ein Münchner Kindl!“, betont Knobloch. Mit ihren Eltern besuchte sie oft das Sendlinger Tor Kino, das heute nicht mehr existiert. Ihr erster prägender Film war „Die Blechtrommel“ von Volker Schlöndorff. Der deutsche Film „Heimsuchung“ von Schlöndorff läuft dieses Jahr in Cannes.
Politik und Festivalfreiheit
Anders als die Berlinale, die zuletzt in politische Turbulenzen geriet, betont Knobloch die Unabhängigkeit der Cannes-Auswahl: „Die Botschaften der Filmemacher sind auf der Leinwand. Die schöpferische Freiheit muss geschützt werden. Unser Auswahlkomitee ist unabhängig, einzig künstlerische Exzellenz zählt.“ Zur Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle sagt sie: „Ich stehe voll hinter ihr. Alles, was Festivals schwächt, schwächt die Kultur.“
Glamour als Respektbekundung
Der rote Teppich sei mehr als nur Inszenierung: „Eleganz ist ein Zeichen von Respekt – vor dem Filmemacher und dem Film. Dieses Ritual ist eine Hommage an das Kino.“



