Im großen SPORT BILD-Interview gewährt VfB-Stürmer Ermedin Demirovic (28) seltene private Einblicke. Der Angreifer spricht über seine Verbundenheit zu Bosnien, dem Heimatland seiner Familie, den Bosnien-Krieg, die bevorstehende WM-Teilnahme und seine Teamkollegen Deniz Undav (29) und Edin Dzeko (40).
Demirovic über Undav und die WM-Nominierung
Auf die Frage, ob Undav mit zur Weltmeisterschaft müsse, antwortet Demirovic klar: „Hundertprozentig! Klar muss er mit. Er ist von der Quote her der beste deutsche Stürmer.“ Über seinen Freund Undav schwärmt er: „Als Fußballer und Mensch ist er überragend. Er ist immer da, hilfsbereit, gibt so viel Liebe von sich und ist immer ehrlich. Jeder bräuchte in seinem Freundeskreis einen Deniz Undav!“
WM-Teilnahme mit Bosnien-Herzegowina
Demirovic kann mit Bosnien zur WM fahren und hat dies bereits realisiert: „Die Familie fliegt mit in die USA. Mittlerweile haben wir eine Art Base-Camp für alle aufgebaut und für die Gruppenphase gebucht. Es ist unfassbar, dass ich dabei bin. Aber aktuell gibt es in Stuttgart so viel zu tun, da bleibt keine Zeit zum Träumen.“ Die Feierlichkeiten in Bosnien vergleicht er mit einem deutschen WM-Titel: „Das ist so, als wenn Deutschland einen WM-Titel holen würde. Es kommen viele auf einen zu und bedanken sich, dass man ein frohes Grundgefühl ins Land gebracht hat. Es gibt in diesem Land viele Probleme. Und dann kommen wir, und für 90 Minuten können alle alles vergessen. Die Qualifikation ist für uns schon der Titel!“
Entscheidung für Bosnien und familiäre Wurzeln
Der gebürtige Hamburger hätte auch für den DFB spielen können, entschied sich aber früh für Bosnien: „Mein Herz hat gesagt, dass ich für Bosnien spielen will. Das wollte ich für meinen Opa machen. Im Urlaub waren wir immer bei ihm, er war immer der Stolzeste und hat allen erzählt, dass ich beim HSV spiele. Er ist inzwischen verstorben, aber ich bin sehr glücklich, dass ich für ihn und die ganze Familie, die so viel Leid ertragen musste, zur WM fahre.“
Über den Einfluss des Bosnien-Kriegs sagt Demirovic: „Meine Mutter ist in Deutschland geboren, und mein Vater ist kurz vor dem Krieg nach Deutschland gezogen. Als kleiner Junge kommt man dann nach Bosnien, sieht die zerstörten Häuser und die Einschusslöcher. Die Leute mussten so viel Leid ertragen, leben heute stellenweise noch mit gefühlt nichts und sind glücklich, weil sie sich einen Kaffee pro Tag leisten können. Und dann kommen wir und bringen ihnen die WM. Das macht alles umso besonderer.“
Umgang mit Krieg und Vorurteilen
Demirovic betont: „Beim Thema Krieg gibt es immer so viel Negatives. Hass gegenüber Menschen wird vielen eingetrichtert, oder dass man ein anderes Land hassen muss, weil damals Krieg war. Meine Frau ist Serbin. Ich habe mit anderen Ländern oder anderen Religionen null Probleme. Für mich ist ein schlechter Mensch ein schlechter Mensch, ganz egal, wo er herkommt.“ Diese Einstellung überträgt er auch auf den Sport: „Fußball vereint sehr viel. In der Nationalmannschaft sitzen in der Kabine drei Glaubensrichtungen, und alle kommen miteinander aus. Mensch ist Mensch, so sollte jeder denken.“
Edin Dzeko als Superheld
Über Edin Dzeko, der im Spätherbst seiner Karriere zu Schalke wechselte und den Aufstieg schaffte, sagt Demirovic: „Ja, da sieht man, wie bodenständig er ist. Er hatte so viel Erfolg im Leben. Und gibt trotzdem jedem Menschen das Gefühl von Normalität und feiert mit den Leuten. Er ist für jeden da, deswegen hat er diesen Status.“ Für Demirovic ist Dzeko die größte Legende: „Für uns ist er die größte Legende. Und für mich ist er DER Superheld überhaupt. Hoffentlich bekomme ich irgendwann noch einen Sohn. Wenn der irgendwann nach Superhelden fragt, werde ich ihm sagen: ‚Vergiss Superman, hier ist Edin Dzeko!‘“



