Der Tag nach dem AfD-Erfolg in Zehdenick
In Zehdenick hat erstmals in Brandenburg ein Bewerber der rechtsextremen AfD eine Bürgermeisterwahl gewonnen. Die Reaktionen fallen gemischt aus.
„Ich habe nicht vor, zu versagen“, sagt René Stadtkewitz. „Und ich weiß, dass man mit Argusaugen auf mich gucken wird.“ Am Tag nach dem Wahlsieg steht das Telefon des neuen Zehdenicker Bürgermeisters nicht still. Denn René Stadtkewitz ist der erste Bürgermeister der in Brandenburg als „gesichert rechtsextrem“ eingestuften AfD, der eine Kommunalwahl gewonnen hat. Schon im ersten Wahlgang siegte er am Sonntagabend mit 58,4 Prozent der Stimmen gegen den FDP-Bewerber Stephan von Hundelshausen, der auf 28,6 Prozent kam, sowie zwei weitere Kandidaten.
Stadtkewitz ist damit der vierte Bürgermeister, den die im Norden von Oberhavel gelegene, für ihren Ziegelleipark überregional bekannte Kleinstadt Zehdenick seit 2019 gewählt hat. Einer wurde von der Stadtverordnetenversammlung abgewählt. Einer trat aus gesundheitlichen Gründen zurück. Und der erst im März 2025 gewählte parteilose Bewerber Alexander Kretzschmar war nach wenigen Tagen im Amt dauerhaft krankgeschrieben und wurde im Januar 2026 mit einem Bürgerentscheid abgewählt. „Für die Stadt ist diese Geschichte fatal“, sagt Stadtkewitz im Gespräch mit unserer Redaktion.
Zehdenick befinde sich in der Haushaltssicherung, so Stadtkewitz. „Wir haben sehr viele Hausaufgaben vor uns.“ Das Stadtentwicklungskonzept sei von 2015 und müsse dringend überarbeitet werden. Sein Amt wolle Stadtkewitz im Juni antreten. Vorher müsse er noch seine Anteile an einem Unternehmen für Sicherheitstechnik, Steuerungstechnik und Brandmeldeanlagen verkaufen. Aber mit einem ersten Investor, der in Zehdenick naturnahen Tourismus veranstalten wolle, sei er schon im Gespräch: Er habe den Mann nach dem Kandidatenforum der Lokalzeitung kennengelernt.
Stadtkewitz spricht als kommunaler Kandidat
Hört man Stadtkewitz zu, klingt er so, wie viele kommunale Kandidaten. Er könnte für fast jede Partei sprechen. Er tut es aber nicht. Der Kommunalpolitiker, der einst für die CDU im Berliner Abgeordnetenhaus saß und Partei und Fraktion im Streit um einen Moscheeneubau in Berlin-Pankow und eine Einladung des niederländischen Rechtsextremisten Geert Wilders verlassen hatte, war für die AfD angetreten. Eine Partei, die in Brandenburg als „gesichert rechtsextrem“ gilt und deren Landtagsabgeordnete nicht nur abschieben wollen, „bis die Startbahn glüht“, sondern auch den 8. Mai 1945, die Kapitulation von Hitler-Deutschland, als „Tag der Vernichtung“ bezeichnen.
Wieso kandidiert Stadtkewitz ausgerechnet für die AfD? Was hat ihn in diese Partei gebracht? „Wir hatten eine Personenwahl, wo die Bürger sich entschieden haben, mir das Vertrauen zu geben“, sagt der neue Bürgermeister. „Ich war lange Zeit in der CDU, war im Abgeordnetenhaus, Vorsitzender eines Kreisverbands, im Berliner Landesvorstand – und das aus Überzeugung.“
Doch Stadtkewitz sagt auch: Die CDU habe sich „in eine Richtung entwickelt, die ich nicht mehr mittragen kann.“ Er habe zu den Mitunterzeichnern der „Aktion Linkstrend stoppen“ gehört, die dann zur Gründung der „Werteunion“ geführt habe. Später gründete er die rechte Kleinpartei „Die Freiheit“.
Stadtkewitz hält AfD nicht für rechtsextrem
„Ich traue den Parteien, die über Jahrzehnte hinweg die Geschicke unseres Landes gelenkt haben, nicht zu, dass sie unser Land wieder auf die Füße stellen können“, sagt Stadtkewitz. „Ich habe Positionen, die sich mit denen der CDU decken – die größte inhaltliche Übereinstimmung habe ich aber mit der AfD.“ Auf die extremistischen Äußerungen angesprochen sagt Stadtkewitz indes das, was man häufiger von Konservativen hört, die ihr Heil in der rechtsradikalen Partei suchen: Er sei „mit Sicherheit nicht mit jeder Äußerung eines Mitglieds einverstanden, aber ich stimme den Parteiprogrammen zu.“ Die Einstufung der Partei als „gesichert rechtsextrem“ halte er aber für falsch. Er gehe davon aus, dass sie vor Gericht keinen Bestand haben werde. Eine wirkliche Distanzierung vom Rechtsextremismus klänge wohl noch anders.
Das brandenburgische Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Rassismus reagierte am Montag jedenfalls „bestürzt“ auf den Ausgang der Bürgermeisterwahl in Zehdenick. „Die große Zustimmung für eine im Kern rechtsextreme Partei ist sehr besorgniserregend“, erklärte der Vorsitzende des Aktionsbündnisses, Superintendent Thomas Wisch. „Die Wahl eines AfD-Bürgermeisters ist kein isoliertes, lokales Ereignis, sondern ein Warnsignal für das gesamte Land: Rechtsextremismus wird zur Normalität in Brandenburg.“
Übrige Parteien reagieren „besorgt“
Die übrigen politischen Parteien zeigten sich am Montag besorgt, räumten aber auch eigenes Versagen ein. Denn außer der FDP gelang es keiner etablierten Partei, in Zehdenick einen Kandidaten aufzustellen. „Das Wahlergebnis in Zehdenick ist ein deutliches Signal und sollte von uns allen ernst genommen werden“, sagte CDU-Generalsekretär Julian Brüning. Man dürfe aber die Umstände vor Ort nicht ausblenden. „Nach den Turbulenzen der vergangenen Monate mit der Abwahl des frisch gewählten Bürgermeisters und der nun notwendigen Nachwahl war das Vertrauen vieler Bürgerinnen und Bürger in die örtliche Politik natürlich belastet.“
Der Landesgeschäftsführer der Linken, Stephan Wollenberg, erklärte, der AfD-Erfolg zeige, was passiere, wenn die Demokratie ihren Auftrag nicht mehr erfülle. „Das Ergebnis wurde auch möglich, weil die großen Parteien des demokratischen Spektrums nicht in der Lage waren, ein eigenes oder gemeinsames Angebot zu unterbreiten“, sagte Wollenberg. „Dass der im Vorjahr gewählte Bürgermeister sein Amt de facto nie antrat, hat das Vertrauen der Menschen in eine funktionierende Demokratie sicher nicht gestärkt.“
Klage über sehr geringe Wahlbeteiligung
Bei der Kommunalwahl sei fast die Hälfte aller Bürger zu Hause geblieben. „Schon vor der Wahl und jetzt erst recht ist es Aufgabe aller Demokraten, diese Menschen wieder zu erreichen“, so Wollenberg. „Kommunalaufsicht und Innenministerium sind gefordert, von Anfang an darauf zu achten, dass die Grenzen des Rechtsstaates auch für diesen Bürgermeister gelten.“ Im Übrigen sei es höchste Zeit, dass auch die Brandenburger Landesregierung eine Bundesratsinitiative für einen AfD-Verbotsantrag unterstütze.
Und die Regierungspartei SPD? Immerhin hatte sie vor einiger Zeit auf einem Parteitag beschlossen, bei allen Kommunalwahlen mit eigenen Kandidaten anzutreten. Warum das in Zehdenick nicht geschah, will Juso-Chef Lionel Richie Adicene nun „aufarbeiten“. „Zehdenick zeigt aus meiner Sicht, was passiert, wenn politische Mitte und parteilose Kandidaten versagt haben“, sagte SPD-Generalsekretär Kurt Fischer bereits am Sonntag unserer Redaktion. Das Ergebnis dort sei sehr klar durch die Ereignisse vor Ort erklärbar, das zeigten die anderen Wahlen im Land.



