Brandenburgs Familienpolitik: Experten fordern mehr Alltagsunterstützung gegen Geburtenrückgang
Der Gesundheitsausschuss des Potsdamer Landtags hat sich in einem Fachgespräch intensiv mit der prekären Situation von Familien in Brandenburg auseinandergesetzt. Hintergrund ist ein alarmierender demografischer Wandel: Während 2016 noch 21.000 Kinder im Land geboren wurden, sind es heute nur noch 15.000 Geburten pro Jahr. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau sank von 1,7 auf nur noch 1,34.
„Maximal ein Kind bekommen die Leute noch“
Matthias Milke, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft der Familienverbände, brachte die Problematik auf den Punkt: „Es gilt nicht mehr Adenauer: Kinder bekommen die Leute sowieso. Heute gilt: Maximal ein Kind bekommen die Leute noch.“ Die Menschen stünden vor einer ungewissen Zukunft und befürchteten durch weitere Kinder massive Einschränkungen in ihrem Leben. Milke empfahl den Abgeordneten einen Landesaktionsplan zur Prävention von Familienarmut und forderte eine kostenfreie Beförderung von Kindern unter 16 im öffentlichen Nahverkehr.
Bürokratiemarathon und fehlende Alltagsunterstützung
Alina Schmok von der Landeskoordinierungsstelle des Netzwerks Gesunde Kinder verwies auf gravierende Defizite in der medizinischen Versorgung: „Es gibt in etlichen Städten keine Geburtsvorbereitungskurse und keine Rückbildungskurse mehr. Es fehlt an Alltagsunterstützung nach der Geburt.“ Der Hebammenmangel sei in vielen Regionen ein ernstes Problem, und spezielle Diagnostik für Kinder fehle in zahlreichen Landkreisen.
Besonders kritisch sieht Schmok die bürokratischen Hürden: „Eltern befinden sich spätestens mit der Geburt in einem wahren Bürokratiemarathon.“ Unübersichtliche Anträge und lange Wartezeiten beim Elterngeld überforderten viele Familien und würden zu einem Dauerstress-Thema.
Kita-Qualität als entscheidender Faktor
Svenja Gottschling vom evangelischen Kita-Verband betonte die zentrale Bedeutung qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Entscheidend ist die Qualität der Betreuung. Der wichtigste Qualitätsbaustein ist der Personalschlüssel.“ In Brandenburg sei dieser jedoch schlechter als in anderen Bundesländern und reiche nur für eine tägliche Betreuungszeit von 7,5 Stunden.
Da etwa zwei Drittel der Kinder acht Stunden und mehr in der Kita verbringen, verschlechtere sich der Personalschlüssel über den Tag weiter. Gottschling forderte gezielte Investitionen und die gesetzliche Verankerung einer dritten Betreuungsstufe, um den längeren Betreuungszeiten vieler Kinder gerecht zu werden.
Armut als zentrales Risiko im berlinfernen Raum
Alina Pöge vom Potsdamer Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung machte deutlich, dass Familien vor allem im berlinfernen Raum von Armut bedroht seien: „Armut ist ein zentraler Risikofaktor – wir müssen Armut von klein auf bekämpfen.“
Diana Zabel, Leiterin der Familien- und Erziehungsberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt in Zossen, betonte die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Brandenburg: „Ich kann ein Supermarktregal nicht im Home-Office auffüllen.“ Sie plädierte für eine bessere Vernetzung der Potsdamer Ministerien, um vorhandene knappe Ressourcen effizienter zu nutzen.
Die Experten waren sich einig, dass die Familienpolitik deutlich mehr Angebote, mehr Engagement und auch mehr finanzielle Mittel benötige. In einer Zeit, in der Koalitionsverhandler über Ausgabenbeschränkungen nachdenken, wird die Umverteilung existierender Gelder Brandenburg in den kommenden Jahren prägen müssen.



