Abensberg in Bayern – Dies ist wohl die süßeste Tiergeschichte des Jahres. Ein Känguru-Baby wächst seit Monaten im Beutel eines Kapuzenpullis auf – getragen von einer Menschenfrau. Rund um die Uhr kuscheln die vier Monate alte Elli und Zoo-Chefin Nicole Hoffmeister (37) miteinander. Sogar nachts sind die beiden unzertrennlich. Doch die herzige Mutter-Kind-Beziehung hat einen ernsten Hintergrund.
Muttertier starb nach der Geburt
Nicole Hoffmeister ist Pächterin des Vogel- und Tierparks in Abensberg. Sie erklärt: „Ellis Mama ist nach der Geburt gestorben. Sie hatte die Känguru-Krankheit, bei der sich Eiterherde an der Lunge bilden. Der Tierarzt musste sie erlösen.“ Ohne menschliche Hilfe hätte auch Elli keine Überlebenschance gehabt.
Liebe und Spezial-Milch für das Joey
Die Pflege eines Joeys – so nennt man Känguru-Junge – ist äußerst anspruchsvoll. „Man kann sie nicht wie ein Huhn in einen Brutkasten stecken. Sie brauchen Spezial-Milch, weil Kängurus laktoseintolerant sind“, betont Hoffmeister. Seither wärmt sie die kleine Elli rund um die Uhr mit ihrer Körperwärme. Nachts schläft das Baby in einem Kopfkissenbezug unter der Decke bei ihr. Solange Elli bei Nicole ist, bleibt für Ehemann Kay (41, Techniker) kein Platz im gemeinsamen Bett. „Er hat aber Verständnis“, sagt Nicole. „Wenn ich dusche, trägt er Elli in einem Rucksack an seinem Körper. Känguru-Junge brauchen stets über 30 Grad Körpertemperatur, um sich zu entwickeln.“
Inklusions-Tiergarten mit besonderen Tieren
Nicole Hoffmeister geht in ihrer Liebe zu Tieren ungewöhnliche Wege. Sie betreibt einen Inklusions-Tiergarten, in dem behinderte Tiere gemeinsam mit nichtbehinderten leben. Elli unternimmt kurze Ausflüge, kehrt aber stets in den Beutel ihrer „Mama“ zurück. Wenn Elli Hunger hat, leckt sie Nicole an der Backe. Selbst zum Einkaufen nimmt Nicole sie mit: „Der Hoodie hat einen Reißverschluss, den mache ich zu, damit sie nicht hinausschaut. Tiere sind im Supermarkt nicht erlaubt.“
Pflege rund um die Uhr
Abends wäscht Nicole Ellis Ohren mit einem warmen Waschlappen. Alle paar Stunden bekommt das Joey ein Fläschchen mit spezieller Instant-Milch aus den Niederlanden. Danach streichelt Nicole ihr Bäuchlein: „Das würde die Mutter mit der Zunge machen. Diese Massage regt die Verdauung an.“ Einen Wecker braucht Nicole nicht mehr: „Morgens klettert Elli aus ihrem Kissenbezug zu mir hoch und leckt mich an der Backe, wenn sie Hunger hat.“
Was ist leichter in der Pflege – ein Menschenbaby oder ein Känguru-Joey? Nicole, selbst Mutter einer 18-jährigen Tochter, antwortet: „Das Känguru macht definitiv mehr Arbeit.“ Allerdings baut ein Känguru-Baby oft eine lebenslange Bindung zu seiner Mutter auf. „Wenn ich Elli irgendwann zu ihrer Gruppe bringe, werde ich vermutlich reagieren wie jede Mama beim Abschied. Ich möchte natürlich, dass sie artgerecht aufwächst. Aber wenn sie zu mir hoppelt, wenn ich sie rufe, würde mich das sehr freuen.“
Im August soll Elli aus dem Hoodie ausziehen – definitiv. Denn Bennett-Kängurus, eine tasmanische Unterart des Rotnackenwallabys, werden bis zu 16 Kilogramm schwer.



