Hamburg steht vor einer richtungsweisenden Entscheidung: Am 31. Mai entscheiden die Bürger per Referendum über eine erneute Olympia-Bewerbung. Nachdem 2015 eine ähnliche Initiative gescheitert war, stellt sich der Senat nun erneut der Abstimmung. Der Ausgang ist in der heißen Phase des Wahlkampfs völlig offen.
Die Ausgangslage
Die Konkurrenz aus München und der Region KölnRheinRuhr hat bereits erfolgreich Referenden absolviert, bei denen sich rund zwei Drittel der Befragten für Olympische Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 aussprachen. Auch Kiel, ein möglicher Partner Hamburgs, hat seine Zustimmung signalisiert. Berlin hingegen verzichtet auf eine Bürgerbefragung. In Hamburg wurden Ende April die Briefwahlunterlagen verschickt. Seit Wochen trommeln Politprominenz, Sportler, Verbände, Industrie und Handel für eine Kandidatur. Doch auch die Gegner sind hochmotiviert.
Argumente der Befürworter
Nachhaltigkeit und Infrastruktur
Das Konzept sieht vor, dass 76 Prozent der 33 benötigten Sportstätten bereits existieren. Die restlichen 24 Prozent sollen temporär errichtet werden. Eine neue Multifunktionsarena im Volkspark ist ohnehin geplant und soll nach Olympia dem HSV dienen. Rund 100 Sportanlagen sollen modernisiert und saniert werden, was auch Schulen und Vereinen zugutekommt. Das olympische Dorf in der geplanten Science City in Bahrenfeld ist für 15.000 Athleten ausgelegt und soll nach den Spielen in 9.000 bezahlbare Wohnungen umgewandelt werden.
Ökologische Ambitionen
Olympia in Hamburg soll nicht nur klimaneutral, sondern sogar klimapositiv werden. 85 Prozent der Wettkampfstätten liegen in einem Radius von sieben Kilometern. Die Mobilität soll zu 100 Prozent CO2-frei sein, die Energie aus erneuerbaren Quellen stammen. Geplant ist der Ausbau des U- und S-Bahn-Netzes sowie 120 Kilometer neue Radwege.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt
Die Organisatoren versprechen sich von Olympia einen Schub für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Spiele seien ein großes, positives Zukunftsobjekt, das weit über das Event hinaus wirke – in Infrastruktur, Sport, Wirtschaft, Wissenschaft und Tourismus.
Finanzielle Perspektiven
Der Senat beziffert das Durchführungsbudget auf 4,8 Milliarden Euro, das Investitionsbudget auf 1,3 Milliarden Euro. Externe Gutachter erwarten sogar einen Gewinn von 100 Millionen Euro, der in den Breitensport fließen soll. Die Bundesregierung hat finanzielle Unterstützung zugesagt. Zudem erhofft sich Hamburg zusätzliche Bundesmittel für ohnehin geplante Infrastrukturprojekte wie die Erweiterung des Hauptbahnhofs.
Wandel des IOC
Bürgermeister Peter Tschentscher betont, dass sich das IOC verändert habe. Die Olympische Agenda 2020+5 fördere nachhaltige Entwicklung, Digitalisierung und Solidarität. Spiele müssten sich der Stadt anpassen, nicht umgekehrt.
Argumente der Gegner
Ökologische Bedenken
Die Initiative NOlympia bezweifelt, dass Olympia klimapositiv sein kann. Bauarbeiten, Verkehr und Flugreisen verursachten erhebliche Emissionen. Eine CO2-Bilanz fehle bisher. Zum Vergleich: Bei den Spielen in Paris 2024 entstanden allein durch Fluggäste 1,1 Millionen Tonnen CO2.
Soziale Folgen
Kritiker befürchten steigende Mieten. 300.000 Hamburger leben unter der Armutsgrenze, 38.000 sind wohnungslos. Durchschnittliche Ticketpreise von 110 Euro schlössen viele aus. Baumaßnahmen würden die bereits jetzt belastete Verkehrssituation weiter verschärfen.
Finanzielle Risiken
NOlympia hält die Finanzplanung für unseriös. Sicherheitskosten fehlten – in Paris waren es 75.000 Kräfte und 1,7 Milliarden Euro. Der Bundesanteil an den Kosten ist unklar. Nur 167 Millionen Euro seien für den Breitensport vorgesehen. Wirtschaftswissenschaftler Alexander Budzier von der University of Oxford bezeichnet die Bewerbung als riskante Wette. Die Organisationskosten von 4,8 Milliarden Euro hält er für plausibel, die Investitionskosten von 1,3 Milliarden Euro für unrealistisch. Er rechnet mit zehn Milliarden Euro und mehr.
Wirtschaftlicher Nutzen
NOlympia sieht kein nennenswertes Wirtschaftswachstum. Paris 2024 brachte Frankreich nur 0,07 Prozent Wachstum. Budzier bestätigt, dass wirtschaftliche Effekte, vor allem im Tourismus, überschätzt würden, räumt aber langfristige positive Wirkungen ein.
Kritik am IOC
NOlympia bezweifelt einen Wandel des IOC. Es sei ein Schweizer Verein, dessen Führungskräfte sich selbst ernennen und bis zu 1,6 Millionen Euro jährlich kassieren. Das IOC predige Völkerverständigung, diktiere aber Unterordnung und schließe Verantwortung aus.



