Ost-West-Spaltung: Jana Hensels Abgesang auf die Demokratie im Osten
Ost-West-Spaltung: Hensels Abgesang auf Demokratie im Osten

Die wachsende Kluft: Wie der Osten sich vom Westen abwendet

In ihrem aktuellen Werk „Es war einmal ein Land“ zeichnet die Autorin Jana Hensel ein düsteres Bild der politischen Landschaft in Ostdeutschland. Sie fragt, warum sich ihre Heimat zunehmend von demokratischen Werten verabschiedet und stattdessen rechten Strömungen zuwendet. Hensel, die mit „Zonenkinder“ einst eine ganze Generation prägte, konstatiert nun das Ende einer Ära: die Demokratie im deutschen Osten scheint zu bröckeln.

Von der friedlichen Revolution zur politischen Entfremdung

Die Erinnerungen an den 9. Oktober 1989 in Leipzig, als 70.000 Menschen für Freiheit und Reformen demonstrierten, stehen im starken Kontrast zur heutigen Realität. Hensel beschreibt, wie aus den linken Montagsdemos gegen das DDR-Regime allmählich rechte Proteste wurden. Sie interpretiert diese Entwicklung als Folge tiefgreifender sozialer und psychologischer Erschütterungen, die die Ostdeutschen in den 1990er Jahren durchlebten.

Die Enttäuschung über nicht erfüllte Versprechungen und das Gefühl, als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden, hätten den Nährboden für populistische Kräfte bereitet. Hensel zitiert Soziologen wie Wolfgang Engler und Wolfgang Thierse, die bereits früh vor einer gedemütigten Volksbewegung und einem wegbrechenden gesellschaftlichen Fundament warnten.

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Die AfD und die strategische Okkupation des Ostens

In ihrem Buch besucht Hensel prominente ostdeutsche AfD-Politiker wie Tino Chrupalla und Maximilian Krah. Sie analysiert, wie die Partei die wirtschaftlichen und politischen Benachteiligungen der Ostdeutschen für ihre Zwecke instrumentalisiert. Interessant ist die Beobachtung, dass einige AfD-Akteure aus dem Westen stammen und sich dennoch als Stimme des Ostens inszenieren.

Benedikt Kaiser, ein gebürtiger Franke, der für die AfD im Bundestag arbeitet, spricht offen über die „strategisch-ideologische Okkupation des Ostens“. Er argumentiert, dass ökonomisches Gefälle und politische Bevormundung von populistischen Kräften genutzt werden können. Gleichzeitig kritisiert er, dass viele AfDler im Osten noch nicht ostdeutsch genug seien und eher als „radikale West-Liberale“ agierten.

Die Rückkehr des „Wir“ – aber in anderer Form

Hensel beschreibt, wie sich im Osten ein neues kollektives Identitätsgefühl entwickelt hat, das jedoch nicht mehr auf progressiven, emanzipatorischen Traditionen basiert. Stattdessen speist es sich aus Abgrenzungsbedürfnissen gegenüber dem Westen, der als alt, satt und langweilig wahrgenommen wird.

Rechtsextreme Zugezogene wie Björn Höcke und Ideologen wie Götz Kubitschek bedienen diese Stimmung mit Parolen wie „Vollende die Wende“ oder Träumen von einem „Geistigen Bürgerkrieg“. Hensel zeigt sich bestürzt darüber, dass diese wirren Angebote im Osten auf fruchtbaren Boden fallen.

Eine gescheiterte Liebesgeschichte?

Die Autorin vergleicht die Beziehung zwischen Ost und West mit einer gescheiterten Liebesaffäre. Die Ostdeutschen seien bereit gewesen, sich zu verändern, aber auch der Westen hätte sich anpassen müssen. Nun, so Hensel, sei es zu spät: „Die Scheidung steht vor der Tür“, zitiert sie die Leipziger Bürgerrechtlerin Antje Hermenau.

Hensels Buch ist mehr als nur eine politische Analyse; es ist ein persönlicher Abgesang auf die Hoffnungen einer Generation. Sie bedauert, dass der Osten seine progressiven Wurzeln verrät und sich illiberalen Herrschaftsmodellen zuwendet. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Einheit Deutschlands brüchiger ist denn je.

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