Warum ein Denkmalexperte Parchims Altstadt als Schatz bezeichnet
Parchims Altstadt: Ein Schatz aus Fachwerk

Ein Rundgang mit Jan Schirmer: Parchims Fachwerkschätze

Wer einmal mit Jan Schirmer durch Parchims Altstadt spaziert, sieht die Stadt danach mit anderen Augen. Statt Geschäfte und Cafés zu vermissen, nimmt man plötzlich die Schätze wahr: Hübsche Fachwerkhäuser, die sich wie Perlenketten durch die Straßen ziehen. Jan Schirmer, Oberkonservator in der Landesdenkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, hält Parchim für eine der am besten erhaltenen historischen Altstädte Mecklenburgs. Zeit, das mal in die Köpfe der Menschen zu klopfen, denkt er sich an diesem Samstag, als er vor dem Rathaus steht.

Ein Zimmermann staunt über dicke Hölzer

Anlässlich des bundesweiten „Tag der Städtebauförderung 2026“ und weil Parchim seinen 800. Geburtstag feiert, übernimmt Bau- und Kunstdenkmalpfleger Jan Schirmer heute selbst einen Stadtrundgang. Gut 20 Neugierige haben sich eingefunden. Silva zum Beispiel, die extra aus Lübz hergefahren ist. Und Matthias Kowalski. Er ist Zimmermann in Parchim. Nach Jahren auf Wanderschaft – unter anderem durch das fachwerkreiche Hessen – ist er vor einigen Jahren wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Seitdem hat er schon an einigen alten Häusern mit Hand angelegt.

Zu seiner Freude steuert Denkmalexperte Jan Schirmer auf seinem Stadtrundgang das imposante 400 Jahre alte Giebelhaus am Alten Markt an. „Hier hab’ ich am Dachstuhl mitgearbeitet“, erzählt Zimmermann Matthias stolz. „Das war super interessant. Ich habe noch nie so dicke, verbaute Hölzer gesehen. Nicht einmal bei der Sanierung in der Kirche.“ 20 Jahre stand das Giebelhaus leer. Es wäre wohl weiter verfallen, wenn man es nicht mithilfe von Städtebaufördermitteln wie andere Gebäude auch herausgeputzt hätte.

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Parchim: Mehr Inschriften als Schwerin

Weit laufen müssen die Stadtspaziergänger heute nicht. Schon drei Häuser weiter stoppt Jan Schirmer an einem anderen Bau. Er weist auf Details an der Fassade hin und wirft Fachbegriffe durch die Luft. Fast beiläufig erwähnt er, dass Parchim mehr Häuser mit alten Inschriften besitzt als die Landeshauptstadt Schwerin. Außerdem befinden sich in der Stadt mehr als 300 Einzeldenkmäler aus verschiedenen Zeitepochen. Herausragend sind die besonders vielen Häuser aus der Renaissance- und Barock-Zeit. Eine Dichte, die selbst erfahrene Denkmalpfleger staunen lässt und in der Region ihresgleichen sucht.

Das ganze Stadtensemble ist interessant

„An Parchim ist das ganze Stadtensemble interessant“, sagt Jan Schirmer. „Die alten Plätze, die Stadtmauer und die Häuser. Einerseits sind am Markt die Bürgerhäuser angesiedelt, andererseits kleine Handwerkerhäuser am Rand. Darunter erstaunlich viele gut erhaltene Doppel- und Drillingshäuser. So was kenne ich sonst kaum im Land.“ Drillingshäuser sind drei kleine Handwerkerhäuser, die gemeinsam unter einem Dach stehen.

Weil Parchims historische Innenstadt so besonders ist, setzt sich Jan Schirmer dafür ein, dass sie in die Deutsche Fachwerkstraße aufgenommen wird. Die wurde 1990 ins Leben gerufen, erstreckt sich auf rund 4000 Kilometern Länge durch Deutschland und verbindet mehr als 100 charmante Fachwerkstädte miteinander. Die können mithilfe von Routen und Etappen nach eigenem Gusto von Radreisenden und anderen Ausflüglern erkundet werden.

Touristen zwischen Harz und Ostsee anlocken

„Auch in Städten wie Grabow, Plau am See, Dömitz und Perleberg schlummern Schätze an Fachwerkbauten aus dem 16. und 17. Jahrhundert“, so Jan Schirmer. „Gemeinsam mit Parchim könnte man sie in die Deutsche Fachwerkstraße einbinden. Als Marke, um Touristen zwischen Harz und Ostsee anzulocken.“

Wenn man schaut, wie wenig Urlauber an diesem schönen Samstag im Mai durch Parchims Straßen laufen, ergibt das mit der Fachwerkstraße Sinn. Allerdings lässt sich ein solches Projekt nicht mal eben von heute auf morgen aus dem Ärmel schütteln. Gewisse Aufnahmekriterien müssen erfüllt werden, alle Fachwerkhäuser der Stadt müssen vorab bewertet werden. Viel Arbeit.

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Das Zinnhaus: Aushängeschild der Stadt

Nächste Station ist das Zinnhaus. Das Aushängeschild der fast 18.000-Einwohner-Stadt. Und für viele längst so vertraut, dass man kaum noch hinschaut. Das Haus diente einst als Zinngießerei. Nach Jahren des Verfalls wurde das Gebäude mit dem Windenrad im Dachstuhl, dem Rauchabzug, den Eichenbalkendecken und dem großen Gewölbekeller mit Brunnen im Jahr 2000 aufwendig saniert. Heute tummeln sich zig Vereine in dem Schmuckstück. Wer anklopft, kann mit ein wenig Glück einen Blick hinter die alten Mauern werfen.

Jan Schirmer lädt alle zu einer kleinen Besichtigung im Dachstuhl ein. Zimmermann Matthias Kowalski freut sich. Da oben war er noch nie drin. Er staunt, wie viele Balken verbaut wurden. „So etwas sieht man nicht oft, weil es so alte Häuser kaum noch gibt. Ich frage mich, wie die Leute früher die schweren Hölzer hochgeschleppt haben.“

Hässliche Entlein warten auf Sanierung

Weiter gehts. Der Rundgang hat auch seine nachdenklichen Momente und führt vorbei an so manchem „hässlichen Entlein“. Also alten, leer stehenden Fachwerkhäusern, die noch auf ihre Stunde warten. In denen Verkaufsschilder an den Fenstern hängen. Davon gibt es in Parchim immer noch reichlich. Doch die Chance, dass sie im neuen Glanz erstrahlen, ist gering. „Das sind oft Gebäude, die nie als Wohnhaus genutzt wurden, sondern Sitz von Handwerksbetrieben waren“, erzählt Johanna Barta-Schott, die als Mitarbeiterin von der Stadtplanung Parchim heute auch mit dabei ist. „Die Häuser sind oft sehr groß. Man kann sie zwar für einen günstigen Preis kaufen, aber die Sanierungskosten betragen bis zu einer halben Million Euro.“

Backsteinkirche und Bäckerei Pahnke

Zwei Stunden sind fast um. Inzwischen haben Jan Schirmer und die anderen den Neuen Markt erreicht, wo die Backsteinkirche St. Marien steht, das älteste heute in Parchim erhaltene Bauwerk. Es liegt auf der europäischen Route der Backsteingotik. Jan Schirmer interessiert sich heute mehr für Bäcker Pahnke an der Ecke Lange Straße/Neuer Markt. Oder vielmehr für dessen Haus aus dem 17. Jahrhundert. Zimmermann Matthias Kowalski muss da gleich an seine Kindheit denken. „Meine Oma saß da früher oft beim Kaffeekränzchen drin. Ich war als Sechsjähriger manchmal dabei. Sie hat dann immer ordentlich eine geschmökt.“

In der Bäckerei gibt es Softeis. Manche holen sich fix eins raus. Der Stadtspaziergang ist ohnehin gleich vorbei. Jan Schirmer will allen noch ein typisches Parchimer Drillingshaus in der Nähe zeigen, in dem früher die Handwerker lebten. Dann bedankt er sich – und gibt seinen Gästen noch etwas mit auf den Weg: Sie dürfen ruhig stolz auf diese Stadt sein.