Friedrich Merz: Kein Retter durch große Reden
Merz: Kein Retter durch große Reden

In den vergangenen Wochen hat sich in der deutschen Kommentarspalte ein eigentümlicher Wunsch herausgebildet, der quer durch politische Lager und mediale Häuser auffächert: Friedrich Merz solle endlich eine Rede halten. Die eine große Ansprache an die Nation, die alle mobilisiert, inspiriert, ja, elektrisiert. Im jüngsten SPIEGEL-Gespräch fragte man ihn nach einer solchen Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede, Merz erwiderte, die Interviewer seien nicht die Ersten, die ihm das nahelegen würden.

Die Forderung nach einer großen Rede

„Zeit“-Journalistin Mariam Lau wünschte sich vergangene Woche im Deutschlandfunk eine Ansprache nach dem Vorbild Angela Merkels in der Coronakrise – ein, wie sie es nennt, „kleines politisches Lagerfeuer“, an dem das Land sich versammeln könne. Am Dienstag kommentierte sie in der „Zeit“: „Da ist sie ja endlich, die Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede“ und meinte damit seinen Vortrag am Dienstagmorgen beim Kongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes, wo Merz heftig ausgebuht wurde – und wenn das tatsächlich das erhoffte politische Lagerfeuer sein sollte, so war es doch ein recht kaltes. Und dann war da noch Grünenchef Felix Banaszak, der dem Kanzler Anfang der Woche ebenfalls „angesichts der Situation“ die große Fernsehansprache empfahl.

Die stille Voraussetzung

Aus mehreren Ecken erklingt also dieselbe Forderung, in der zugleich dieselbe stillschweigende Voraussetzung mitschwingt: dass eine Rede, hinreichend ernst vorgetragen, das Land aus seiner Lethargie wecken könne. Ist Friedrich Merz zu dieser Rede fähig? Nun, wir sprechen hier immer noch von einem Mann, dessen rhetorisches Talent vor allem darin besteht, in regelmäßigen Abständen eher Feuer zu legen, als Lagerfeuer zu schaffen. Die Vorstellung, er könne mit der einen, lang ersehnten Suada plötzlich vollbringen, was ihm seine sonstigen Wortmeldungen mit beklemmender Verlässlichkeit verweigern, ist von so viel unergründlichem Optimismus und Zuversicht, dass man gar nicht weiß, gegen welche dunklen Wolken Merz da noch anreden sollte.

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Bei aller Liebe zur Macht des Wortes: Was es wirklich braucht, ist kein Gelaber, sondern bessere Politik. Reden voller „Blut, Schweiß und Tränen“ werden diesen Kanzler nicht retten. Statt auf eine magische Rede zu hoffen, sollte die Politik lieber konkrete Maßnahmen ergreifen, um die drängenden Probleme des Landes zu lösen. Die Bürgerinnen und Bürger erwarten nicht nur Worte, sondern Taten. Eine große Ansprache mag kurzfristig für Aufmerksamkeit sorgen, aber nachhaltige Veränderung erfordert mehr als nur Rhetorik.

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