Ein Maskierter sitzt in einem dunklen Raum vor der Kamera und spricht immer wieder denselben Namen aus: Cole Allen. Mit ruhiger Stimme trägt er scheinbare Fakten und Zusammenhänge vor. Eine klare Schlussfolgerung bleibt aus – sie soll sich aus dem kurzen Instagram-Video von selbst ergeben. Hinter den Schüssen beim Korrespondentendinner in Washington soll demnach weit mehr stecken, etwas, das vertuscht wird. So entsteht eine weitere Verschwörungserzählung um US-Präsident Donald Trump.
Die Anziehungskraft von Verschwörungstheorien
In den vergangenen Tagen sind zahlreiche ähnliche Videos in den sozialen Medien aufgetaucht, teils mit abweichenden Darstellungen. Mal zeigen sich die Erzähler, häufig Männer, mal ist eine KI-Stimme zu hören. Als angebliches Indiz dient ein mehr als drei Jahre alter Beitrag auf X, der lediglich den Namen des Schützen, Cole Allen, enthält. Wer glauben möchte, dass mehr dahintersteckt, findet leicht Bestätigung.
Der Psychologe Roland Imhoff von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz erklärt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Verschwörungserzählungen appellieren an unsere urmenschliche Intuition, hinter den Dingen Muster, Absicht und Plan zu vermuten. Diese überaktive Erkennung von Akteuren hilft uns, unsere soziale Umwelt zu verstehen, aber auch die Welt als kontrollierbar wahrzunehmen.“
Der Professor zieht einen Vergleich zu klassischen Erzählstrukturen von der antiken Tragödie bis zum Hollywood-Blockbuster: „Es gibt Schurken, die finstere Pläne verfolgen und am beklagenswerten Zustand der Welt schuld sind, denen aber Helden das Handwerk legen können.“ Die britische Psychologin Karen Douglas von der University of Kent ergänzt: „Im Grunde kann jeder unter den richtigen Umständen anfällig für Verschwörungstheorien sein.“
Das Narrativ des inszenierten Angriffs
Das am weitesten verbreitete Narrativ ist schnell erklärt: Der Angriff des Einzeltäters, der versuchte, bewaffnet in den Ballsaal einzudringen, soll inszeniert gewesen sein. Teilweise wird eine Verbindung zu Israel hergestellt. Trumps Gegner unter den Anhängern von Verschwörungserzählungen glauben, der US-Präsident wolle damit von seiner verfehlten Politik ablenken und seine Beliebtheitswerte steigern. Ende des Jahres stehen in den USA die Midterms an – für Trump geht es um viel.
Das Unternehmen Newsguard, das auf Falschinformationen spezialisiert ist, zählte unmittelbar nach dem Zwischenfall 80 Millionen Aufrufe von Beiträgen allein auf X, die das Narrativ des inszenierten Schießens verbreiten. Die Geschwindigkeit überraschte selbst Trump. „Normalerweise dauert es etwas länger. Normalerweise warten sie etwa zwei oder drei Monate, bevor sie so etwas sagen“, sagte er dem Sender CBS.
Gefahren der Verbreitung in sozialen Medien
Imhoff beschreibt die schnelle Verbreitung als gefährlich: „Wenn Verschwörungserzählungen zu einem Ereignis vor der eigentlichen Meldung kommen, also das Erste sind, was ich zu einem Ereignis lese, dann haben sie die privilegierte Position des zuerst Gehörten. Das hat häufig einen Vorteil bei der Erinnerung und der folgenden Verarbeitung von Informationen, die vor dem Hintergrund des bereits Gehörten aufgenommen und gewichtet werden.“
Auch Trumps Unterstützer spielen bei der Deutung der um den Schützen aufgebauten Mysterien eine Rolle. Sie können nun auf die Gegner zeigen und behaupten, mit Verschwörungserzählungen werde bewusst versucht, dem US-Präsidenten zu schaden. Die eine Verschwörung dient der anderen, es entsteht ein endloses Spiegeln der Vorwürfe. Für Trump ist das kein Neuland – kaum eine Verschwörungserzählung steht für sich allein.
Verschwörungserzählungen schwer einzudämmen
Auch zum Attentat auf den damaligen Präsidentschaftskandidaten im Juli 2024, bei dem Trump sich mit blutendem Ohr zum großen Anführer stilisierte, gibt es unzählige Beiträge. Mittlerweile wird auch hier eine Verbindung zum Schützen in Washington gezogen. Verschwörungen verbreiten sich auch zum tödlichen Anschlag auf Trumps Unterstützer Charlie Kirk im September 2025. Und es müssen nicht immer Schüsse sein: Auch an der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro arbeiten sich die Macher von Verschwörungsideen ab – und am Skandal um Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, der täglich neue Vermutungen provoziert.
Psychologin Douglas warnt: „In sozialen Medien ist es leicht, Verschwörungstheorien zu finden und zu verbreiten. Menschen, die sich dafür interessieren, stoßen fast sofort darauf. Sind Verschwörungstheorien erst einmal im Umlauf, lassen sie sich nur schwer eindämmen – besonders dann, wenn einige Fakten noch unbekannt sind.“
Begünstigt werden die Erzählungen durch die teils skurrile Personenkonstellation um den US-Präsidenten und durch dessen eigene Art. Trump selbst verbreitet wilde Erzählungen, unter anderem zum Klimawandel und den Vorgängerregierungen unter Barack Obama und Joe Biden. Der US-Präsident mobilisiere seine Anhänger „vor allem durch Polarisierung und Dämonisierung seiner Gegner“, so Imhoff. Die Experten warnen vor unabsehbaren Folgen: Verschwörungserzählungen „können Menschen von der etablierten Politik und Wissenschaft abwenden und hin zu extremeren politischen Ansichten und wissenschaftsfeindlichen Einstellungen führen“, sagt Douglas. „Für manche mögen sie unterhaltsam und harmlos erscheinen, doch in vielen Fällen sind sie potenziell deutlich gefährlicher.“



