Anti-Wehrpflicht-Demo in München: 20-Jährige nach Beleidigung angezeigt
Anti-Wehrpflicht-Demo: Anzeige nach Beleidigung in München

Das Thema Wehrpflicht sorgt weiterhin für hitzige Debatten in Deutschland. Am vergangenen Freitag fanden in zahlreichen deutschen Städten Schülerstreiks unter dem Motto Nein zur Wehrpflicht statt. In München eskalierte die Situation, als es zu einem Gerangel zwischen Demonstranten und der Polizei kam.

Umstrittenes Plakat führt zu Polizeieinsatz

Die Demonstranten hielten Schilder mit Aufschriften wie Schulstreik gegen Wehrpflicht oder Deutschland, für dich sterben wir nicht in die Höhe. Ein besonders provokantes Schild wurde einer jungen Frau jedoch zum Verhängnis. Darauf stand: Merz, Leck Eier. Diese Parole hat sich in den letzten Wochen und Monaten zu einer Art Schlachtruf der Wehrpflichtgegner entwickelt. Sie bezieht sich auf den sogenannten Eierkontrollgriff, der früher bei der Musterung durch den Bundeswehrarzt angewendet wurde und nun möglicherweise wieder eingeführt werden soll.

Bundesverteidigungsminister verteidigt Musterungspraxis

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hatte die Maßnahme kürzlich gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland bestätigt und verteidigt: Die Mediziner legen fest, welche Untersuchungen notwendig sind. Zu Schikanen solle es dabei nicht kommen. Die Demonstranten fokussieren sich jedoch auf den unbeliebtesten Teil der geplanten Musterung und richten ihre Kritik gegen Bundeskanzler Friedrich Merz. Medienberichten zufolge tauchte der Spruch erstmals im März 2026 bei einer Demonstration in Berlin auf. Dort wurde das Plakat eines 18-Jährigen von der Polizei konfisziert und ein Verfahren wegen des Verdachts auf üble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens eingeleitet.

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Münchner Polizei schreitet ein

Die Verbreitung des Spruchs ließ sich dadurch nicht aufhalten. Auch in München sah sich die Polizei gezwungen, die Personalien einer 20-jährigen Schülerin aufzunehmen, die das Schild trug. Laut übereinstimmenden Aussagen von Polizei und Demonstrationsvertretern kam es dabei zu einer Auseinandersetzung. Die 20-Jährige weigerte sich zunächst, den Demonstrationszug zu verlassen und der Aufforderung der Polizei nachzukommen, mit den Beamten mitzugehen. Die Polizei war mit 50 Einsatzkräften vor Ort. Umstehende Demonstranten versuchten, der Schülerin zu helfen, als die Polizei sie zur Feststellung der Personalien freiheitsentziehend am Arm packte. Ein Polizeisprecher erklärte, dass ein Fußtritt eines Demonstranten die Beamten verfehlte. Die Polizei setzte den Schlagstock laut eigenen Angaben fünfmal gegen Demonstrationsteilnehmer ein. Ein weiterer Demonstrant wurde bei dem Gerangel, bei dem es zu Schieben und Drücken kam, verletzt.

Polizei verteidigt ihr Vorgehen

Der Polizeisprecher verteidigte die Maßnahmen: Personalien kann ich nicht in einer lauten Menschenmenge feststellen. Bei der Parole handle es sich um eine Beleidigung einer Person, weshalb der Anfangsverdacht einer Straftat vorliege und die Person festgesetzt werden sollte. Auch damit sie sich dazu äußern kann. In einem solchen Fall müsse die Polizei tätig werden, da haben wir gar keine Wahl, so der Polizeisprecher.

Die Sicht der Beschuldigten

Die Schülerin, die anonym bleiben möchte, widerspricht der Darstellung teilweise: Ich wurde von mehreren Polizisten gewaltsam abgeführt, als ich abseits von den Streikenden saß, aufgrund meines Demonstrationsschildes. Ich habe mich in der Situation sehr unterlegen und klein gefühlt. Nach der Aufnahme der Personalien durfte die 20-Jährige wieder gehen. Gegen sie wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung eingeleitet. Ein Gericht wird nun über eine etwaige Schuld entscheiden.

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Organisatoren kritisieren Polizei

Die Demonstrationsorganisatoren sehen im Vorgehen der Polizei eine politische Färbung. Ronja Fröhlich vom Münchner Bündnis Nein zur Wehrpflicht erklärte: Letztes Mal wurden Schüler eingesperrt, dieses Mal angezeigt. Das brutale Vorgehen der Polizei mit Gewalt, Festnahmen, Anzeigen und dem Aufbauen eines Bedrohungsszenarios soll uns Jugendliche wohl einschüchtern. Stefanie Sewald, Jugendsekretärin der ver.di-Jugend München, ergänzte: Dass Schüler wegen eines Protestschildes von der Polizei aufgenommen und angezeigt werden, ist ein Einschüchterungsversuch gegen politische Meinungsäußerung. Wer gegen Wehrpflicht und Militarisierung protestiert, darf nicht kriminalisiert werden. Die Demonstranten geben die Teilnehmerzahl mit 1500 an, die Polizei schätzt sie auf 800. Sollte die Parole bei weiteren Demonstrationen erneut auftauchen, werde die Polizei wieder so vorgehen.