Ex-BND-Chef entkräftet Epstein-Geheimdienst-Theorie als konstruiert
Berlin – Die spektakuläre These, der verstorbene US-Milliardär und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein könnte von einem Geheimdienst gesteuert worden sein, wird von einem ehemaligen Spitzenbeamten deutlich zurückgewiesen. Gerhard Schindler, von 2012 bis 2016 Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), äußerte sich in einem aktuellen Podcast zu den hartnäckigen Gerüchten.
„An den Haaren herbeigezogen“: Schindler widerspricht Mossad- und Russland-Thesen
Im Gespräch mit BILD-Vize Paul Ronzheimer bezeichnete der 73-jährige Schindler die Vorstellung, Epstein sei vom israelischen Mossad oder russischen Diensten kontrolliert worden, als „an den Haaren herbeigezogen“. „Die Idee ist erstmal schön in der Mystifizierung der Geheimdienste“, so der Ex-BND-Chef, doch sie halte einer professionellen Prüfung nicht stand.
Schindler erläuterte, dass Nachrichtendienste grundsätzlich mit steuerbaren Informanten arbeiten. Bei Epstein sei dies jedoch nicht der Fall gewesen: „Das sind nachrichtendienstliche Profis. Es nutzt nichts, dass man sagt: Boah, wir haben jetzt den Epstein als Quelle. Sondern der macht, was er will.“
„Nicht steuerbare Quellen sind eine tickende Zeitbombe“
Der erfahrene Geheimdienstler betonte die Risiken unkontrollierbarer Kontakte. „Nicht steuerbare Quellen sind eine tickende Zeitbombe“, erklärte Schindler. Eine Person wie Epstein, die sich keine Anweisungen geben lasse, stelle für jeden seriösen Nachrichtendienst ein untragbares Sicherheitsrisiko dar.
Zwar schloss Schindler nicht aus, dass Epstein Kontakte zu Geheimdiensten unterhalten haben könnte. Doch dies sei etwas fundamental anderes, als im Auftrag eines Dienstes zu agieren. „Ich glaube nicht, dass irgendein Nachrichtendienst dieses Elend auf sich genommen hätte, ihn zu steuern“, so seine Einschätzung.
„Um Geheimdienste wabern immer suspekte Personen“
Der ehemalige BND-Präsident berichtete aus seiner Amtszeit von zahlreichen Annäherungsversuchen zwielichtiger Persönlichkeiten. „Um die Geheimdienste herum wabern immer suspekte Personen, zwielichtige Personen“, beschrieb Schindler das Phänomen. Oft handele es sich um Menschen mit Geld oder Einfluss, bei denen „in der Kindheit etwas schief gelaufen“ sei und die von der Zusammenarbeit mit Geheimdiensten fasziniert seien.
Schindler erinnerte sich an konkrete Angebote: „Es gab eine Reihe von suspekten Personen, die angefragt haben. Sie hätten wichtige Informationen, sie würden das gerne abends mit mir austauschen und würden mich gerne ins Adlon oder wo auch immer einladen.“ Seine Mitarbeiter hätten ihn jedoch gewarnt: „Halten Sie sich fern von solchen Leuten, das bringt nur Ärger.“
Epsteins Netzwerk und die Grenzen geheimdienstlicher Nutzung
Jeffrey Epstein unterhielt tatsächlich Verbindungen zu zahlreichen Regierungen und bewegte sich in den höchsten Kreisen von Wirtschaft und Politik. Durch seine Sexparties, bei denen es auch zu Vergewaltigungen kam, sammelte er möglicherweise kompromittierendes Material über einflussreiche Persönlichkeiten.
Doch genau diese Eigenschaften – sein unberechenbares Verhalten, seine kriminellen Aktivitäten und seine öffentliche Bekanntheit – machten ihn nach Schindlers Darstellung für professionelle Nachrichtendienste unbrauchbar. Erfahrene Spione hätten über Epstein gesagt: „Da lassen wir die Finger davon.“
Die Äußerungen des ehemaligen BND-Chefs liefern somit eine fachkundige Einordnung, warum die Epstein-Geheimdienst-Theorie aus professioneller Sicht wenig plausibel erscheint, auch wenn sie in Verschwörungskreisen weiterhin kursieren wird.



