Der ehemalige deutsche Botschafter in Warschau und Moskau, Rüdiger von Fritsch, hat ein sehr persönliches Buch geschrieben. In „Die Geschichte in mir“ beleuchtet er die Lebenswege seiner Eltern und Großeltern vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Sein Vater war überzeugter Nationalsozialist und SS-Mitglied. Bis zu seinem Tod im Jahr 2006 hielt er an der „herrlichen Bewegung“ fest, wie er den Nationalsozialismus nannte. Im Interview mit der Augsburger Allgemeinen erklärt von Fritsch, warum er diese schwierige Familiengeschichte öffentlich gemacht hat.
Warum dieses Buch?
Von Fritsch betont, dass dieses Buch das eine sei, das er immer habe schreiben wollen. Es gehe um die Frage, was die Leben der Menschen vor ihm mit seinem eigenen Leben gemacht haben. Er wolle die Geschichte in dreifachem Sinne „aufheben“: Hindernisse aus dem Weg räumen, sie sichtbar machen und einen negativen Bann in positives Handeln umwandeln. Das Buch habe drei Ebenen: die Familiengeschichte, den Umgang damit und ein Plädoyer für einen aufrichtigen Umgang mit der Vergangenheit.
Ein Fund im Haushaltsbuch
Ein Schlüsselerlebnis war der Fund von Briefmarken mit Hitlers Porträt und der Aufschrift „Ostland“ in einem alten Haushaltsbuch seiner deutsch-baltischen Großmutter. Diese Marken aus den besetzten Gebieten ließen die Geschichten aus dem Baltikum wieder aufleben. Von Fritsch betont, dass sein Vater sein Leben lang überzeugter Nationalsozialist war, was ihn bis heute belaste. Sein Vater sei Teil eines verbrecherischen Systems gewesen. Obwohl seine Aufgaben in Litauen wohl eher banale Verwaltungsangelegenheiten umfassten, habe er damit das System am Laufen gehalten.
Verhältnis zum Vater
Trotz der schrecklichen Überzeugungen habe sein Vater weder Gefolgschaft verlangt noch bestimmte Lebenswege erwartet. Er habe seinen Kindern ermöglicht, eigene Wege zu gehen, indem er sie auf ein Internat schickte, das andere Ideale hochhielt. Der familiäre Zusammenhalt blieb erhalten. Von Fritsch betont die Notwendigkeit, Widersprüchliches nebeneinander stehen zu lassen, ohne es aufzurechnen.
Auch als Botschafter in Moskau half ihm diese Erfahrung, unerfreuliche Dinge klar zu benennen. Bei einem Treffen mit einem Vertreter Lawrows wurde er lautstark zurechtgewiesen: „Herr Botschafter, Sie sind hier nicht in Warschau!“ Man liebe es nicht, die Wahrheit zu hören.
Vertreibung und Erinnerung
Die Schicksale der Vertriebenen wie seiner Großeltern bedürfen der historischen Darstellung, ebenso wie die deutschen Verbrechen. Verstehen dürfe nicht mit Entschuldigen verwechselt werden. Die Luftangriffe auf Dresden seien nicht durch deutsche Verbrechen gerechtfertigt, genauso wenig wie Putins Bombardierung von Krankenhäusern durch angebliche Kränkungen.
Das Gut Plonian in Litauen, der Sehnsuchtsort seiner Kindheit, liegt heute brach. Von Fritsch besucht es immer wieder. Anders als Vertriebene aus Schlesien oder Ostpreußen hegten seine Verwandten keine Rückkehrhoffnungen, da Plonian nie zum Deutschen Reich gehört hatte. Die Besuche wecken Sympathie für die Landschaft und die Menschen, ebenso wie eine grundsätzliche Sympathie für Russland, die ihm von seinen Großeltern mitgegeben wurde.
Lehren für die Gegenwart
Auf die Frage, ob die Deutschen nichts aus der Geschichte gelernt hätten, angesichts der Umfrageerfolge der AfD, antwortet von Fritsch: Das sei zu kurz gegriffen. Die Erfolge extremistischer Parteien zeigten, wie fragil die Demokratie sei. Sie bedürfe der Verteidigung und sei besser in der Lage, Probleme zu lösen. Man solle nicht leichtfertig auf eine „starke Hand“ vertrauen. Es müssten aber auch die Probleme gelöst werden, die die Menschen bedrückten. Dann würden viele erkennen, dass es auch ohne starke Hand gehe.



