Kommentar zum Magdeburger Anschlag: Es fehlte nicht an Erkenntnissen
André war neun Jahre alt, als er auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt getötet wurde. Von einer Sekunde auf die andere verwandelte sich ein adventlicher Abend mit Lichterglanz und Schmalzkuchen in einen Alptraum aus brutaler Gewalt, Panik und Angstschreien. André war Mitglied einer Jugendfeuerwehr, er engagierte sich für andere. Der Mann, der das Leben des Jungen und das fünf weiterer Menschen auslöschte, interessierte sich nur für sein eigenes Ego. Taleb A. war eine gescheiterte Existenz, die sich chronisch überschätzte und mit aller Welt Streit suchte. Auch wenn das strafrechtliche Urteil noch aussteht: Täter ist der Mann am Steuer, ein aus Saudi-Arabien stammender Arzt. Nichts kann seine Schuld mindern.
Ja, es hätte wohl Chancen gegeben, Taleb A. zu stoppen
Umsetzen konnte er seinen blutigen Plan so aber nur, weil deutsche Behörden und Institutionen zuvor reihenweise Fehler gemacht hatten. Im Entwurf zum Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses ist dieses Versagen umfassend belegt. Hätte die Attacke auf den Weihnachtsmarkt verhindert werden können? Die Koalitionsfraktionen glauben, dass es diese Chance gegeben hätte – jedenfalls dann, „wenn alle Beteiligten ihrer Verantwortung gerecht geworden wären“ und man früh und intensiv auf A. eingewirkt hätte. Eine Gewissheit, das betont der Berichtsentwurf zu Recht, könne es aber nicht geben.
Eine Kette von Versäumnissen erleichterte die Todesfahrt
Für die Hinterbliebenen der Toten, für die körperlich und psychisch schwer versehrten Überlebenden des Anschlags wird die Lektüre des Abschlussberichts eine Qual werden. Denn die Abgeordneten dokumentieren und bewerten eine schier unfassbare Kette von Versäumnissen, Schlampereien und nicht wahrgenommener Verantwortung. Einzeln genommen ist davon nichts dafür verantwortlich, dass A. seine Todesfahrt ins Werk setzen konnte. Alles zusammen aber ebnete ihm den Weg.
Gemeint sind nicht nur die offensichtlichen Pannen, voran das widersprüchliche und unvollständig umgesetzte Sicherheitskonzept des Marktbetreibers. In der öffentlichen Debatte bislang zu wenig beachtet ist die Tatsache, dass mit der Salus ein landeseigenes Unternehmen die wirtschaftliche Basis für A.s Aktivitäten war.
Verantwortliche beim Arbeitgeber von Taleb A. ducken sich weg
Obwohl der Saudi wegen fachlicher Mängel kaum einsetzbar war, zahlte ihm die Salus ein gutes Facharztgehalt und sah auch darüber hinweg, dass er immer wieder wochenlang nicht zur Arbeit erschien, angeblich wegen Krankheit. Das Unternehmen griff auch nicht ein, als ihr Angestellter durch E-Mails seine wirren Verschwörungstheorien offenbarte – und nicht einmal dann, als er im Gespräch mit Kollegen mit dem Tod von Menschen drohte. Der Berichtsentwurf legt zum Fehlverhalten der Salus Fakten auf den Tisch. Das muss nun auch Folgen haben – bislang konnten sich Verantwortliche, vom Ausscheiden des Ärztlichen Direktors abgesehen, erfolgreich wegducken.
Vom Asylbewerber zum selbsterklärten Deutschland-Feind
Was die Sicherheitsbehörden betrifft, so fehlte es nicht an Erkenntnissen über A. Als dieser Gewalttaten ankündigte, wurde das zwar als „wichtiges Ereignis“ an alle Polizeidienststellen und das Innenministerium gemeldet. Aber: Niemand griff wirksam ein. In Bernburg entwickelte sich der Mann, der von Deutschland Schutz und Asyl erhalten hatte, zum erklärten Feind des deutschen Staats. Auch dieses Nichtreagieren auf vorhandene Erkenntnisse muss Konsequenzen haben.
Den Opfern des Anschlags wird nichts ihr Leben oder ihre körperliche Unversehrtheit zurückgeben können. Doch der Staat ist es ihnen schuldig, dass er aus Fehlern lernt. Die Arbeit des Untersuchungsausschusses ist dafür ein wichtiger Baustein.



