Mord vor 50 Jahren an Regimegegner: Er überführte die DDR der Lüge und wurde erschossen
Bröthen (Schleswig-Holstein) – Er überführte DDR-Diktator Erich Honecker öffentlich der Lüge. Heute vor 50 Jahren nahm das SED-Regime dafür blutige Rache. Mitglieder eines Spezialkommandos der DDR-Staatssicherheit erschossen den Regimekritiker Michael Gartenschläger (†32) an der damaligen innerdeutschen Grenze bei Bröthen hinterrücks.
Einen Monat vor seiner Ermordung hatte Michael Gartenschläger zusammen mit einem Helfer in einer todesmutigen Aktion eine Selbstschussanlage im DDR-Todesstreifen von einem Grenzzaun bei Wendisch Rietz (Brandenburg) abmontiert und der Öffentlichkeit präsentiert. Der ehemalige politische Häftling der DDR, den die Bundesrepublik freigekauft hatte, blamierte damit die DDR-Führung.
1973 sprach Erich Honecker auf einer Funktionärskonferenz in Ost-Berlin noch von einem „Geschrei über Todesmaschinen an der Staatsgrenze, die es gar nicht gibt“. Michael Gartenschläger widerlegte Honecker. Ihm gelang in der Nacht des 23. April 1976 sogar ein zweiter Coup. Erneut montierte Gartenschläger eine Splittermine vom Grenzzaun ab. Historiker Jochen Staadt, der als Projektleiter im Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin über die Toten an der innerdeutschen Grenze forschte, zu BILD: „Die Selbstschussanlagen SM 70 verschossen bei Auslösung etwa 100 scharfkantige Stahlsplitter parallel zum Metallgitterzaun. Bis 1984 wurden 14 Flüchtlinge und ein Grenzsoldat durch die SM-70 getötet.“
Der Versuch, einen dritten DDR-Todesautomaten vom Grenzzaun zu holen, endete für den 32-Jährigen tödlich. Er wollte die Splittermine auf dem „Internationalen Sacharow-Hearing“ in Kopenhagen präsentieren. Experte Staadt: „Dieser Plan wurde von einem Informanten der DDR-Staatssicherheit verraten. An der innerdeutschen Grenze erwartete Gartenschläger eine Killertruppe der Stasi. Sie lauerten auf ihn mit dem Befehl zur ‚Festnahme oder Vernichtung der Täter‘.“
Als sich Michael Gartenschläger von der Westseite kommend dem DDR-Grenzzaun bei Bröthen (Schleswig-Holstein) näherte, eröffneten DDR-Scharfschützen das Feuer und schossen ein ganzes Magazin leer. Historiker Staadt: „Sie schleiften den noch lebenden Michael Gartenschläger auf DDR-Gebiet und ließen ihn dort sterben. Er wurde als unbekannte Wasserleiche in Schwerin beerdigt.“
Der Mord an dem DDR-Regimekritiker wurde nie gesühnt. Jochen Staadt: „Als die Todesschützen 1999 in Schwerin vor Gericht standen, behaupteten sie, Gartenschläger habe zuerst geschossen. Das Gericht glaubte ihnen und sprach sie in einem skandalösen Urteil vom Vorwurf des versuchten Mordes frei.“
Nach Gartenschlägers Enthüllungen baute die DDR 1984 den letzten Todesautomaten an der Grenze ab.



