Das US-Nationalarchiv hat Ende März die gesamte Mitgliederkartei der NSDAP ins Internet gestellt. Die Datenbank mit dem Namen „Records Relating to Membership in the Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ ist seitdem für jedermann frei zugänglich. Dies geschah ohne die Zustimmung der deutschen Behörden, die eine Freigabe erst nach 100 Jahren vorgesehen hatten.
Umfang der Datenbank
Die Sammlung umfasst mehr als 16 Millionen digitalisierte Objekte auf über 5.000 Mikrofilmrollen. Darunter befinden sich rund 6,6 Millionen Mitgliedskarten der NSDAP-Ortsgruppen sowie über 200.000 Fragebögen von Mitgliedern aus dem Großraum Berlin und Unterlagen von angeschlossenen Organisationen wie dem Nationalsozialistischen Lehrerbund. Insgesamt sind es 5.443 Akten mit mehr als 16,2 Millionen Seiten.
Historischer Hintergrund
Die Kartei wurde 1945 von US-Truppen in einer Papierfabrik am Münchner Stadtrand sichergestellt. Der Fabrikchef Hanns Huber hatte die 45 Tonnen Karteikarten vor der Vernichtung bewahrt, indem er sie unter Altpapierbergen versteckte. Der US-Geheimdienstoffizier Michel Thomas, ein in Polen geborener Jude, erkannte die Bedeutung des Fundes und ordnete die Sicherung an. Bis in die 1990er Jahre wurde der Bestand im „Document Center“ in Berlin verwahrt, bevor er 1994 an das Bundesarchiv übergeben wurde.
Suchfunktion und Einschränkungen
Die Suche in der Datenbank funktioniert nicht wie ein „Nazi-Google“. Da die Karteikarten überwiegend handschriftlich ausgefüllt wurden, hat die Suchmaschine des US-Nationalarchivs Schwierigkeiten, die handschriftlichen Einträge zu lesen und zu interpretieren. Die Unterlagen liegen als PDF-Fotos vor.
Rechtliche Situation in Deutschland
Nach deutschem Recht unterliegt die im Bundesarchiv lagernde Kartei strengen Schutzfristen. Daten dürfen erst 100 Jahre nach der Geburt oder zehn Jahre nach dem Tod einer Person ohne Zustimmung veröffentlicht werden. Diese Regelung gilt auch für NSDAP-Mitglieder, obwohl die Partei in Nürnberg zur verbrecherischen Organisation erklärt wurde. Das Bundesarchiv plant zwar, die Kartei online zu stellen, aber erst nach Ablauf dieser Fristen.
Politische Implikationen
Die Veröffentlichung durch die USA könnte politisch brisant sein, da sie frühere NSDAP-Mitglieder betrifft, die nach dem Krieg hohe Ämter bekleideten. Bekannte Beispiele sind Hans-Dietrich Genscher, Rudi Arndt, Walther Leisler Kiep und Alfred Dregger. Auch in der DDR gab es prominente Mitglieder wie Gerhard Beil, Hans Bentzien und Wolfgang Biermann. Die deutsche Politik hatte jahrelang zögerlich verhandelt, wohl aus Angst vor der Enthüllung aktiver Spitzenpolitiker.



