Der französisch-algerische Schriftsteller Kamel Daoud ist in Algerien in Abwesenheit zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Grund ist sein Roman „Huris“, der mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Das Urteil wurde am Mittwoch von Daoud selbst auf der Plattform X bekannt gemacht. Zudem wurde eine Geldstrafe von fünf Millionen algerischen Dinar verhängt, was umgerechnet mehr als 30.000 Euro entspricht. Algerische Medien bestätigten die Entscheidung des Gerichts in Oran.
Hintergrund des Romans
„Huris“ (deutsch: Jungfrauen) thematisiert die Opfer der sogenannten „schwarzen Dekade“ in Algerien. Der algerische Bürgerkrieg dauerte von 1992 bis 2002 und forderte zwischen 60.000 und 200.000 Todesopfer. Daoud zufolge basiert die Verurteilung auf der Charta für Frieden und nationale Versöhnung, die 2005 per Volksabstimmung angenommen wurde. Diese Charta stellt öffentliche Diskussionen über den Bürgerkrieg unter Strafe und gewährt weitreichende Amnestien für bewaffnete Islamisten und Sicherheitskräfte.
Daoud erklärte: „Der Text stellt jede öffentliche Erwähnung des Bürgerkriegs unter Strafe. Zehn Jahre Krieg, fast 200.000 Tote, Tausende amnestierte Terroristen … und nur ein Schuldiger: ein Schriftsteller.“ Er betonte, er sei der erste Literat, der auf dieser Grundlage verurteilt wurde.
Internationale Haftbefehle und weitere Konsequenzen
Bereits im Mai 2025 hatte Algerien zwei internationale Haftbefehle gegen Daoud ausgestellt. Zudem droht ihm die Aberkennung seiner algerischen Staatsbürgerschaft. Der Prozess in Oran fand am 7. April in Abwesenheit des Autors statt. Daoud sagte, er habe sich nicht anwaltlich vertreten lassen können und den Urteilstext bis heute nicht erhalten. Er vermutet, dass das Urteil bewusst erst nach dem Besuch von Papst Franziskus in Algerien vom 13. bis 15. April verkündet wurde.
Ähnlicher Fall: Boualem Sansal
Der Fall Daoud erinnert an den Schriftsteller Boualem Sansal, der ebenfalls wegen seiner kritischen Werke verurteilt wurde. Sansal war nach algerischem Anti-Terror-Recht zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Nach einem Appell von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde ihm eine humanitäre Begnadigung gewährt, sodass er nach einem Jahr Haft nach Frankreich zurückkehren konnte.
Vorwürfe einer Frau
In „Huris“ erzählt Daoud die Geschichte von Aube, einem Mädchen, das einen Terroranschlag auf ihr Dorf überlebt. Die algerische Frau Saâda Arbane beschuldigte den Autor, ihre Geschichte gestohlen zu haben. Sie war von Aicha Dahdouh, Daouds Ehefrau und Psychiaterin, behandelt worden. Arbane erklärte, sie habe mehrfach die Erlaubnis zur Verwendung ihrer Geschichte verweigert. Ein Anwaltskollektiv schloss sich ihren Vorwürfen an und berief sich auf die Charta für Frieden und nationale Versöhnung.
Daoud betonte jedoch, dass die Verurteilung auf eine Klage der nationalen Organisation der Terrorismusopfer zurückgehe, nicht auf Arbanes Vorwürfe. Ein französisches Gericht soll sich noch mit diesen befassen.



