Algerien verurteilt Kamel Daoud zu drei Jahren Haft wegen Romans
Algerien verurteilt Kamel Daoud zu drei Jahren Haft

Der französisch-algerische Autor Kamel Daoud ist in Algerien in Abwesenheit zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Grund ist sein mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichneter Roman „Huris“. Das Urteil wurde am Mittwoch von Daoud selbst auf der Plattform X bekannt gegeben. Zusätzlich zur Haftstrafe wurde eine Geldstrafe in Höhe von fünf Millionen algerischen Dinar verhängt, was umgerechnet mehr als 30.000 Euro entspricht. Algerische Medien bestätigten die Entscheidung des Gerichts.

Hintergrund des Romans und des Verfahrens

„Huris“ (deutsch: Jungfrauen) thematisiert die Opfer der sogenannten „schwarzen Dekade“, des algerischen Bürgerkriegs von 1992 bis 2002. In diesem Konflikt zwischen dem Militär und islamistischen Aufständischen kamen Schätzungen zufolge zwischen 60.000 und 200.000 Menschen ums Leben. Die algerische Führung, so Daoud, wolle jedoch, dass die Bevölkerung diesen Konflikt verschweige. Das Buch wurde 2024 mit dem Prix Goncourt, der höchsten literarischen Auszeichnung Frankreichs, geehrt.

Daoud zufolge stützt sich die Verurteilung auf die sogenannte Charta für Frieden und nationale Versöhnung. Dieses Gesetz wurde 2005 per Volksabstimmung angenommen und sieht weitreichende Begnadigungen für bewaffnete Islamisten sowie für Sicherheitskräfte vor. „Der Text stellt jede öffentliche Erwähnung des Bürgerkriegs unter Strafe“, erklärte Daoud. „Zehn Jahre Krieg, schätzungsweise fast 200.000 Tote, Tausende amnestierte Terroristen … und nur ein Schuldiger: ein Schriftsteller.“ Er betonte, der erste Literat zu sein, der auf dieser juristischen Grundlage verurteilt wurde.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Weitere rechtliche Schritte gegen Daoud

Neben dem Verfahren in der algerischen Stadt Oran hat Algerien im Mai 2025 zwei internationale Haftbefehle gegen Daoud ausgestellt. Zudem droht ihm die Aberkennung der algerischen Staatsbürgerschaft. Der Schriftsteller lebt bereits in Frankreich.

Ein ähnliches Schicksal ereilte den französisch-algerischen Autor Boualem Sansal. Er wurde wegen Untergrabung der nationalen Einheit und Beleidigung staatlicher Institutionen nach algerischem Anti-Terror-Recht zu fünf Jahren Haft verurteilt. Nach einem Appell von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde ihm eine humanitäre Begnadigung gewährt; nach einjähriger Haft kehrte der alte und kranke Sansal vergangenes Jahr nach Frankreich zurück.

Vorwürfe einer algerischen Frau

Kamel Daoud, 56, erzählt in „Huris“ die Geschichte von Aube, einem jungen Mädchen, das einen nächtlichen Terroranschlag auf ihr Dorf Had Chekala im Westen Algeriens überlebt, obwohl ihr die Kehle durchgeschnitten wurde. Nach der Veröffentlichung beschuldigte die Algerierin Saâda Arbane den Schriftsteller, ihre Geschichte gestohlen und als Grundlage für sein Buch verwendet zu haben. Arbane war zuvor von Aicha Dahdouh, Kamel Daouds Ehefrau, psychologisch behandelt worden. Dahdouh war als Psychiaterin am Universitätsklinikum Oran auf Traumata im Zusammenhang mit Gewalt während des Bürgerkriegs spezialisiert.

„Kamel Daoud und seine Frau haben mich um Erlaubnis gebeten, meine Geschichte zu verwenden, und ich habe jedes Mal abgelehnt“, erklärte Arbane bei mehreren Auftritten im algerischen Fernsehen und bezeichnete den Roman als „Eingriff in ihre Privatsphäre“. Daraufhin bildete sich ein Kollektiv von Anwälten, das sich solidarisch zu Arbanes Verteidigung zusammenschloss und sich auf Bestimmungen der Charta für Frieden und nationale Versöhnung berief.

Gegenüber der französischen Zeitung „Le Monde“ betonte Daoud jedoch, dass die Verurteilung ausschließlich auf eine Klage der nationalen Organisation der Terrorismusopfer zurückgehe – und nicht auf Arbanes Vorwürfe. Mit diesen soll sich parallel ein französisches Gericht befassen. Der Prozess in Oran sei laut Daoud am 7. April verhandelt worden – in seiner Abwesenheit. Er habe sich nicht anwaltlich vertreten lassen können und bis heute den Urteilstext nicht erhalten. Daoud glaubt, dass das Urteil absichtlich erst nach dem Papstbesuch im Land (vom 13. bis 15. April) gesprochen wurde.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration