Das juristische Hin und Her um den ehemaligen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro nimmt kein Ende. In der jüngsten Entwicklung hat das Oberste Gericht Brasiliens die Anwendung eines Gesetzes gestoppt, das eine drastische Verkürzung seiner Haftstrafe vorgesehen hätte. Bolsonaro war im September wegen der Planung eines Staatsstreichs zu 27 Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt worden.
Richter setzt Gesetz aus
Richter Alexandre de Moraes ordnete am Samstag die Aussetzung der Anwendung des Gesetzes an, bis das Oberste Gericht über dessen Verfassungsmäßigkeit entschieden hat. Dies geht aus einem der Nachrichtenagentur AFP vorliegenden Dokument hervor. Das umstrittene Gesetz hätte die Haftstrafe des rechtsradikalen Ex-Präsidenten auf etwas mehr als zwei Jahre reduziert.
Hintergrund der Verurteilung
Das Oberste Gericht hatte Bolsonaro im September schuldig gesprochen, eine kriminelle Organisation angeführt zu haben, um seine Wahlniederlage gegen den linksgerichteten Nachfolger Luiz Inácio Lula da Silva im Jahr 2022 zu kippen. Im November trat Bolsonaro seine Haft an. Bereits im Dezember stimmte das mehrheitlich konservative Parlament für einen Gesetzentwurf, der die 27-jährige Haftstrafe auf etwa zwei Jahre verkürzen sollte.
Politische Auseinandersetzungen
Präsident Lula legte sein Veto gegen die Entscheidung des Kongresses ein. Tausende Menschen protestierten gegen die Verkürzung von Bolsonaros Haftstrafe auf den Straßen. Ende April hob der Kongress Lulas Veto jedoch auf, und das Gesetz trat in Kraft. Nun hat das Oberste Gericht eingegriffen, um die Verfassungsmäßigkeit zu prüfen.
Auswirkungen auf andere Verurteilte
Die vorgesehene Strafminderung könnte auch anderen Personen zugutekommen, die im Zusammenhang mit den Unruhen vom 8. Januar 2023 verurteilt wurden. An diesem Tag hatten Bolsonaro-Anhänger zu Tausenden das Regierungsviertel gestürmt und das Parlament, das Oberste Gericht sowie den Präsidentenpalast attackiert und verwüstet. Bolsonaro hatte den Wahlsieg Lulas nie explizit anerkannt und wiederholt von Wahlbetrug gesprochen.
Parallelen zu den USA
Die Ereignisse in Brasilien erinnerten an den Angriff von Anhängern des damals abgewählten US-Präsidenten Donald Trump auf das Kapitol in Washington zwei Jahre zuvor. Bolsonaro und Trump pflegen eine freundschaftliche Beziehung.
Gesundheitszustand Bolsonaros
Bolsonaro war im März wegen einer Lungenentzündung auf die Intensivstation eines Krankenhauses in Brasília eingeliefert worden. Er litt unter hohem Fieber, Schüttelfrost und einer gesunkenen Sauerstoffsättigung, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Klinikangaben berichtete. Von 2019 bis 2022 hatte Bolsonaro Brasilien regiert. In den vergangenen Jahren wurde er mehrfach medizinisch behandelt, oft im Zusammenhang mit einem Messerangriff während des Wahlkampfs 2018.



