Koalitionskrise in Baden-Württemberg: Ein Patt mit tiefen Gräben
Die politische Landschaft in Baden-Württemberg gleicht derzeit einem Minenfeld. Nach der ultraknappen Landtagswahl, bei der die Grünen mit 30,2 Prozent knapp vor der CDU mit 29,7 Prozent lagen, stehen beide Parteien vor einer historischen Pattsituation. Im neuen Landtag verfügen beide Fraktionen über jeweils 56 Mandate – eine seltene Konstellation, die die Regierungsbildung zu einer Herkulesaufgabe macht.
Zerstörtes Vertrauen und verhärtete Fronten
Was in den vergangenen Jahren als relativ geräuschlos funktionierende Koalition galt, ist heute kaum mehr vorstellbar. Die Stimmung zwischen CDU und Grünen ist frostig wie lange nicht. Die Christdemokraten werfen den Grünen eine gezielte „Schmutzkampagne“ im Wahlkampf vor, die das Vertrauen der vergangenen zehn Jahre binnen weniger Tage zerstört habe.
Der Zündstoff lieferte ein altes Video aus dem Jahr 2018, das eine Grünen-Bundestagsabgeordnete zwei Wochen vor der Wahl postete. Darin schwärmt der damals 29-jährige CDU-Chef Manuel Hagel von einer Schülerin und ihren „rehbraunen Augen“. Obwohl Hagel einräumte, dass dies „Mist“ gewesen sei, ging das Video viral und schadete ihm erheblich im Wahlkampf.
Die CDU: Enttäuscht, angefasst und wütend
Die Christdemokraten zeigen sich tief getroffen. „Man habe versucht, Hagel persönlich zu desavouieren“, schimpft Agrarminister Peter Hauk. Ein führendes Parteimitglied erklärt, die Grünen hätten durch ihre Aktionen nicht nur Hagel geschadet, sondern möglicherweise sogar SPD-Wähler mobilisiert, die am Ende aus Protest gegen Hagel für die Grünen stimmten.
Die stellvertretende Bundesgeneralsekretärin der CDU, Christina Stumpp, bringt die Situation auf den Punkt: „Die Gräben sind wirklich tief jetzt.“ Selbst wenn es eine Annäherung oder Entschuldigung gäbe, würde es schwierig werden. Mit Blick auf die anstehenden Verhandlungen betont sie: „Nun gilt Sorgfalt vor Schnelligkeit.“
Ein ungewöhnlicher Vorschlag: Die Machtteilung
Angesichts der Pattsituation wird innerhalb der CDU über ein ungewöhnliches Modell nachgedacht: eine Aufteilung der Amtszeit des Ministerpräsidenten. Hagel selbst schließt eine solche Rotation nicht aus. Bei gleicher Mandatszahl müsse „alles auf den Tisch“, erklärt er nach Sitzungen der CDU-Spitzengremien in Berlin.
Christian Bäumler, Mitglied des Landesvorstands, sieht in der Rotationsidee sogar eine Chance zur Befriedung zwischen den Parteien. Doch Wahlsieger Cem Özdemir (Grüne) weist den Vorschlag einer Machtteilung rasch zurück: „Wir machen erwachsene Politik, die Situation ist einfach zu ernst für Quatsch aller Art.“
Özdemirs Arroganz und die Reaktion der CDU
Dass Özdemir die Idee so schnell öffentlich ablehnt, ohne vorher mit der CDU zu reden, nehmen ihm die Christdemokraten übel. Landesgeneralsekretär Tobias Vogt wirft dem grünen Spitzenkandidaten „herablassende Arroganz“ vor. Gleichzeitig unterstreicht die CDU die positiven Aspekte des Wahlergebnisses: ein Plus von 5,6 Prozentpunkten seit der letzten Landtagswahl, mehr Erststimmen als die Grünen und 44 zurückgewonnene Wahlkreise.
Die Kommunikation ist bereits gestört
Selbst über grundlegende Fakten streiten die potenziellen Partner bereits öffentlich. Während Özdemir behauptet, man sei bereits im Austausch, bestreitet dies die CDU entschieden. „Davon wissen wir nichts, es entspringt der Fantasie des grünen Spitzenkandidaten“, so Vogt. Diese gestörte Kommunikation lässt nichts Gutes für die anstehenden Verhandlungen erahnen.
Neuwahlen als realistische Option
Die Lage ist so unübersichtlich, dass Vorstandsmitglied Bäumler sogar Neuwahlen nicht ausschließt: „Wenn in drei Monaten kein Ministerpräsident gewählt ist, wird der Landtag aufgelöst und es gibt Neuwahlen – das ist eine Option.“ Man brauche in den Verhandlungen zudem eine „Exit-Strategie“ bei Leuten wie Özdemir.
Hagel hat sich unterdessen Rückendeckung aus den eigenen Reihen geholt. Der 37-Jährige bot dem Landesvorstand seinen Rücktritt an – ein Angebot, das einstimmig abgelehnt wurde. Hagel wird die CDU in allen Gesprächen anführen, doch der Weg zu diesen Gesprächen scheint noch weit zu sein.
Die Frage bleibt: Wie sollen diese zerstrittenen Partner das Land durch krisenhafte Zeiten steuern? Die Antwort darauf sucht man derzeit vergeblich in Stuttgart.



