Bürgermeister wider Willen: Helmut Knaus wird mit 64 gegen seinen Plan erneut gewählt
In der beschaulichen Gemeinde Philippsreut im Bayerischen Wald hat sich ein außergewöhnliches demokratisches Ereignis zugetragen. Der 63-jährige Helmut Knaus, der eigentlich mit 64 Jahren in den Ruhestand treten wollte, wurde gegen seinen erklärten Willen erneut zum Bürgermeister gewählt. Die Einwohner schrieben seinen Namen auf die Wahlzettel, obwohl er nicht kandidiert hatte.
Der ungewollte Wahlsieg eines erfahrenen Kommunalpolitikers
Helmut Knaus blickt auf zwölf Jahre Bürgermeistertätigkeit zurück, die er seit 2014 für ein Bündnis aus Bayernpartei und Unabhängigen Wählern ausgeübt hat. „Ich werde im Mai 64 Jahre alt“, erklärt Knaus. „Ich wollte eigentlich in Rente gehen und den Weg frei machen für einen Jüngeren.“ Vor einem Jahr kündigte er seinen Rückzug an, doch die Reaktion der Gemeinde überraschte ihn: absolute Stille.
Kein einziger anderer Bewohner meldete sich als Kandidat, obwohl es im 620-Einwohner-Ort durchaus kritische Stimmen zur Gemeindepolitik gibt. „Ich weiß nicht, warum es keinen Kandidaten gab“, sagt Knaus verwundert. „Obwohl es durchaus vier oder fünf im Ort gibt, die gerne schimpfen über die Gemeindepolitik.“
Die „wilde Wahl“: Bürger schreiben ihren Favoriten auf den Stimmzettel
Nach Artikel 40 des bayerischen Gemeindewahlgesetzes dürfen Bürger Namen auf Wahlzettel eintragen, wenn es nur einen oder gar keinen offiziellen Kandidaten gibt. Genau diesen Weg wählten die Philippsreuter bei der Kommunalwahl am 8. März. 216 Einwohner – das entspricht 57,1 Prozent – schrieben den Namen von Helmut Knaus auf ihre Stimmzettel.
„57 Prozent muss ich ernst nehmen“, sagt Knaus mit einer Mischung aus Schicksalsergebenheit und Verantwortungsbewusstsein. Der Zweitplatzierte kam lediglich auf 23 Prozent der Stimmen. Damit bleibt Knaus nun bis 2032 im Amt – dann wird er 70 Jahre alt sein.
Ein forderndes Ehrenamt mit bescheidenem Einkommen
Der Bürgermeisterposten in Philippsreut ist ein Ehrenamt, das Knaus viel abverlangt. „Ich habe 40 Stunden und mehr in der Woche gearbeitet“, berichtet er aus seiner bisherigen Amtszeit. Dabei stehen ihm in der Gemeindeverwaltung nur zwei Teilzeitkräfte zur Seite: eine für das Bürgermeister-Sekretariat und eine für den Tourismus.
Die Bezahlung spiegelt den ehrenamtlichen Charakter wider: Knaus erhält 3.000 Euro brutto. Dennoch war er in den vergangenen Jahren täglich im Einsatz – ob bei der Verlegung von Wasserleitungen in vier Ortsteilen oder der Sanierung des Skigebiets im Gemeindeteil Mitterfirmiansreut.
Weitere „wilde Wahlen“ in Bayern
Philippsreut ist nicht die einzige Gemeinde in Bayern, in der es zu solch ungewöhnlichen Wahlergebnissen kam. In drei weiteren Orten bestimmten die Einwohner neue Bürgermeister in sogenannten „wilden Wahlen“:
- Im oberbayerischen Brunnen
- Im schwäbischen Megesheim
- Im fränkischen Tauberrettersheim
Der Unterschied zu Philippsreut: In diesen Gemeinden hatten die Gewählten öffentlich angekündigt, für das Amt bereit zu sein, allerdings keine offizielle Kandidatur abgegeben.
Kurioses Wahlergebnis auf der Fraueninsel
Besonders skurril verlief die Wahl auf der Fraueninsel im Chiemsee. Hier trat Amtsinhaber Armin Krämmer als einziger offizieller Kandidat an. Doch die Wähler setzten so viele Namen anderer Einwohner auf die Stimmzettel, dass er die absolute Mehrheit verpasste. Nun muss er in einer Stichwahl erneut antreten.
Philippsreut liegt im südöstlichsten Zipfel Bayerns, nur zwei Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt. Nach Prag ist der Weg kürzer als in die Landeshauptstadt München. Die Gemeinde besteht aus 620 Einwohnern, einem Skigebiet, einem kleinen Gewerbegebiet, einer Kirche und acht Gemeinderäten.
Helmut Knaus hat nun das Formular zur Annahme der Wahl vor sich liegen. Nachdem er zwölf Jahre lang die Geschicke der Gemeinde gelenkt hat, wird er nun weitere sechs Jahre im Amt bleiben – wider seinen ursprünglichen Plan, aber mit dem klaren Mandat seiner Mitbürger.



