Abschied mit klaren Worten: Bürgermeister Kliewe zieht Bilanz in Ueckermünde
Knapp 30 interessierte Bürgerinnen und Bürger fanden sich im Kulturspeicher Ueckermünde ein, um Bürgermeister Jürgen Kliewe bei seinem letzten öffentlichen Auftritt vor dem Ende seiner Amtszeit am 8. Juli zuzuhören. Beim Demokratie-Stammtisch des Demokratiebündnisses Vorpommern berichtete der parteilose Verwaltungschef ausführlich über seine langjährige Tätigkeit für die Stadt am Stettiner Haff.
Vom Journalismus zur Stadtverwaltung: Ein ungewöhnlicher Werdegang
Eigentlich hatte Jürgen Kliewe ganz andere Pläne: „Den Studienplatz für Journalismus hatte ich schon in der Tasche“, erzählte der 63-Jährige. Doch ein gescheiterter Russisch-Test und andere Umstände verhinderten diesen Weg. Stattdessen begann er in der Ueckermünder Stadtverwaltung zu arbeiten und studierte parallel Volkswirtschaftslehre in Berlin. Seine Karriere führte ihn vom stellvertretenden Bürgermeister vor der Wende über Pressesprecher und verschiedene Verwaltungsposten bis zur Wahl zum Bürgermeister im Jahr 2019.
Tourismus als Existenzgrundlage mit Verantwortung
Besonders deutlich positionierte sich Kliewe zum Thema Tourismus: „Wir müssen vom Tourismus leben, nicht umgekehrt“, betonte er nachdrücklich. Trotz rückläufiger Besucherzahlen und angespannter Haushaltslage plädiert er für weitere Investitionen in diesen Bereich. Allerdings warnt er vor den Fehlern anderer Regionen: „Wir sollten nicht die gleichen Fehler machen wie auf Usedom, wo Einwohner verdrängt wurden.“ Statt auf große Industrieansiedlungen setzt der scheidende Bürgermeister auf sanften Tourismus, der die Lebensqualität der Einheimischen bewahrt.
Finanziell stellt der Tourismus die Stadt vor Herausforderungen: Die Kurabgabe von rund 300.000 Euro deckt bei Weitem nicht die Kosten der kulturellen Angebote. Insgesamt gibt Ueckermünde fast eine Million Euro für touristische Infrastruktur aus.
Herausforderungen im Stadtparlament und persönliche Wünsche
Als parteiloser Bürgermeister hatte Kliewe es nicht immer leicht: „Es ist natürlich schwierig, Mehrheiten zu finden, wenn es um politische Themen geht“, räumte er ein. Besonders in den letzten zwei Jahren sei die Zusammenarbeit durch größere Vielfalt und auseinandergehende Meinungen im Stadtparlament anspruchsvoller geworden. Ein persönlicher Wunsch blieb unerfüllt: Der Bau einer Seebrücke oder eines Promenadenstegs scheiterte trotz 90-prozentiger Förderung an der Haushaltskonsolidierung.
Erinnerungskultur und Medienkritik
Als geschichtsinteressierter Ueckermünder engagiert sich Kliewe seit Jahren für die Erinnerungskultur. Jährlich nimmt er am „Marsch des Lebens“ teil und fragt sich, wie die Gräuel der Nationalsozialisten auch in seiner Heimatstadt möglich waren. In diesem Jahr werden fünf neue Stolpersteine verlegt, und gemeinsam mit dem Krankenhaus entsteht ein Projekt zur Erinnerung an über 4000 dort ermordete Menschen.
Kritisch äußerte sich der Bürgermeister über soziale Medien und künstliche Intelligenz: „Ich habe die Befürchtung, dass die Menschen durch den Einsatz von KI manipuliert und am eigenen Denken behindert werden.“ Diese Entwicklung trage neben globalen Krisen dazu bei, dass die allgemeine Stimmung so negativ sei. „Generell würden die Menschen zu wenig miteinander reden“, bedauerte Kliewe und bezeichnete dies als Gefahr der digitalen Revolution.
Persönliches: Modellbau und musikalische Umrahmung
Privat widmet sich Jürgen Kliewe dem Modellbau – ein Hobby, das er in seiner Amtszeit kaum pflegen konnte. Zwei detailgetreue Modelle der legendären Titanic hat er gebaut, die heute durch die Welt touren. Ob er nach seinem Ausscheiden aus dem Amt zu diesem Hobby zurückkehren wird, konnte er noch nicht sagen.
Musikalisch wurde der Abend im Kulturspeicher von Elisa Schönlein am Kontrabass, Jannis Henning mit der Trompete und Juan Moreno am Klavier einfühlsam umrahmt. Trotz der interessanten Gespräche blieben im Zuschauerraum einige Stühle leer – ein Zeichen dafür, dass der direkte Dialog zwischen Bürgern und Lokalpolitikern weiter gefördert werden muss.



