Münchens OB Reiter: 'Ich war fast nicht ganz bei Sinnen' in FC-Bayern-Debatte
In einem emotionalen Interview mit Zeit Online spricht Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) erstmals ausführlich über seine umstrittene Rolle in der FC-Bayern-Affäre um Nebeneinkünfte. Der Politiker beschreibt seinen Auftritt im Stadtrat kurz vor der Wahl als "völlig widersprüchlich" und gesteht gravierende Kommunikationsfehler ein.
Der umstrittene Stadtratsauftritt
"Ich habe nie gelogen", betont Reiter im Gespräch, räumt aber ein: "Da hätte ich Tabula rasa machen müssen, spätestens da. Ich hätte ans Rednerpult gehen müssen und sagen, was Sache ist. Das ist mir beileibe nicht gelungen." In der entscheidenden Sitzung hatte Reiter Oppositionspolitiker verhöhnt, die behaupteten, er sei bereits FC-Bayern-Aufsichtsrat. Später musste er einräumen, sich tatsächlich hatte wählen lassen.
Über sein Verhalten sagt der Oberbürgermeister: "Wie ich mich da verhalten habe, das war völlig widersprüchlich: Ich wollte das Thema abräumen, aber ich habe nicht alles auf den Tisch gepackt. Bis mir das bewusst wurde, hat es nochmal ein, zwei Tage gebraucht. Ich habe mir die Aufzeichnung später angeschaut. Ich war da tatsächlich fast nicht ganz bei Sinnen."
Die Salami-Taktik als Fehler
Reiter kritisiert seine eigene Kommunikationsstrategie scharf: "Natürlich ist es ein Riesenunterschied, ob man alles auf einmal auf den Tisch packt oder nur Stückchen für Stücken preisgibt, wenn wieder neue Fragen auftauchen. Das war ein katastrophaler Fehler." Diese "Salami-Taktik", immer erst im letzten Moment Fakten einzuräumen, habe das Vertrauensproblem verschärft.
Der SPD-Politiker beschreibt seinen emotionalen Zustand während der Krise: "Ich war schon richtig angefasst, wie ich das sonst von mir nicht kenne. Ich bin ein Bauchmensch, aber eigentlich entspannt und überlegt in dem, was ich tue. Was da in mir vorgegangen ist, kann man nur mit großem emotionalem Stress beschreiben."
Die finanziellen Dimensionen
Reiter hatte für seinen bereits angetretenen, nicht genehmigten Aufsichtsratsposten beim FC Bayern in seiner nächsten Amtszeit mehrere Hunderttausend Euro erhalten sollen. Im Verwaltungsbeirat kassierte er bereits 90.000 Euro, die er nun spenden will. Dazu sagt er: "90.000 Euro ist einfach eine riesige Summe, auch wenn sich das auf mehrere Jahre verteilt. Und von einem Sozialdemokraten wird nochmal mehr erwartet, dass beim Geld alles hundertprozentig korrekt zugeht."
Zum Aufsichtsratsposten beteuert Reiter: "Ich habe definitiv nicht darüber nachgedacht, wie viel Geld ich da bekomme, das kann ich eidesstattlich versichern." Diese Aussage erscheint bemerkenswert, da Reiter erst Wochen zuvor seine Referenten schriftlich auf die Genehmigungspflicht für Nebeneinkünfte ab 10.000 Euro hingewiesen hatte und öffentliche Dokumente der FC-Bayern-Hauptversammlung Aufsichtsratsvergütungen von 50.000 Euro jährlich ausweisen.
Wahlkampf und Selbstkritik
Reiter zeigt sich selbstkritisch bezüglich seiner Wahlkampfstrategie: "Ich glaube, dass man in Zukunft wieder stärker mit Politik als nur mit Personen werben sollte. Wenn der Wahlkampf auf eine Person zugeschnitten ist, kann man im Krisenfall schlecht sagen: Jetzt aber interessiert euch bitte mal für unsere Inhalte!"
Über seinen politischen Stil sagt der Oberbürgermeister: "Ich bin nicht der große Redner. Ich fülle keine Säle mit klugen Gedanken. Ich wache nicht jeden Morgen mit einer neuen Vision auf. Mein Stil ist, möglichst wenig im Büro zu sitzen, möglichst viel auf der Straße zu sein und ansprechbar zu bleiben für Bürger-Probleme im Alltag, nicht nur im Wahlkampf."
Die Watschn, die es brauchte
Gerade weil man "lange Zeit relativ erfolgreich war", leide "manchmal die Selbstreflexion." Auf die Frage, ob die Affäre die notwendige "Watschn" gewesen sei, antwortet Reiter: "Ja, definitiv." Dies markiert einen deutlichen Kontrast zu seiner Haltung vor zwei Wochen, als er Kritik an sich noch als "Klamauk" bezeichnete, auf den er "keinen Bock" habe.
Zum verlorenen Vertrauen stellt Reiter fest: "Vertrauen zu verlieren geht schnell, es zurückzugewinnen ist schwer." Obwohl er Transparenz versprochen hatte, bleiben Fragen offen - etwa zu teuren geschenkten VIP-Tickets und deren Versteuerung, auf die er im Interview ausweichend antwortet.



