Rostocks Winterdienst in der Kritik: Vereiste Wege isolieren Senioren
Rostocks Winterdienst: Vereiste Wege isolieren Senioren

Rostocks Winterdienst in der Kritik: Vereiste Wege isolieren Senioren

Der diesjährige Winter stellt Rostock vor erhebliche Herausforderungen. Eisregen und anhaltende Glätte führen zu überfüllten Notaufnahmen, in denen sich zahlreiche Patienten mit Knochenbrüchen nach Stürzen behandeln lassen müssen. Besorgte Bürger beklagen die schlechte Beräumung von Geh- und Radwegen und weisen darauf hin, dass viele ältere Menschen sich nicht mehr aus dem Haus trauen. Gleichzeitig wird vielerorts über Knappheit bei Streugut berichtet, was in Rostock jedoch kein Problem darzustellen scheint. Dennoch werden nicht alle Straßen und Wege täglich von Eis und Schnee befreit. Die Gründe dafür sind vielfältig und komplex.

100 Einsatzkräfte im Einsatz für den Winterdienst

Etwa 100 Einsatzkräfte sowie 55 Fahrzeuge stehen für den Winterdienst in Rostock zur Verfügung, berichtet Lena Marie Ulke, Sprecherin der Rostocker Stadtentsorgung. Gearbeitet wird im Schichtsystem mit Rufbereitschaften. Bei der Winterräumung gilt die grundsätzliche Regelung: Öffentliche Straßen und Fahrbahnen werden von der Stadt beräumt, während Bürgersteige vor Eigenheimen in der Regel in der Verantwortung der Hauseigentümer oder -besitzer liegen, abhängig von individuellen Absprachen. Anders formuliert ist die Stadt dort winterdienstpflichtig, wo keine Übertragung der Pflichten auf Anlieger möglich ist.

Die Frage der Zuständigkeit und der Häufigkeit der Räumung ist im Straßenreinigungsverzeichnis der Stadt nachzulesen. Die Rostocker Wege sind in Kategorien von A (verkehrswichtig) bis C (Wohnstraßen) eingeteilt. Bei starken Vereisungen in C-Straßen gewinnen Bürger jedoch schnell den Eindruck, dass überhaupt nicht gestreut oder beräumt wird, was zu Frustration und Sicherheitsbedenken führt.

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Verein Rostock Fuss kritisiert gefährliche Situation auf eisigen Wegen

Auch auf kombinierten Rad- und Fußgängerwegen sei es derzeit vielerorts gefährlich, meint Gabriele Köpke vom Verein Rostock Fuss. Sie hält es für „skandalös, wie Rostock mit älteren Bürgern umgeht“. Köpke nennt exemplarisch die Geh- und Radwegsituation in der Rostocker Nobelstraße. Hier sei lediglich ein kleiner Streifen beräumt worden, was ihrer Ansicht nach zu wenig ist, um eine sichere Querung für Radfahrer und Fußgänger zugleich zu gewährleisten. Insbesondere ältere Menschen seien dadurch erheblich gefährdet.

„Während es beim Glätte-Unfall mit dem Auto meist bei Blechschäden bleibt, werden Menschen zu Fuß oft schwer verletzt“, sagt Köpke. Viele Ältere trauten sich deshalb nicht mehr vor die Tür; ungeräumte Gehwege machten sie für viele Wochen „immobil und depressiv“, erzählt sie. Diese soziale Isolation stellt ein ernstzunehmendes Problem dar, das über die reine Verkehrssicherheit hinausgeht.

Verwaltung reagiert mit schriftlicher Stellungnahme

Die Verwaltung reagiert schriftlich auf die Kritik: „Kombinierte Geh- und Radwege können aufgrund der Arbeitsbreite der eingesetzten Räumfahrzeuge grundsätzlich nur auf einer Breite von etwa 1,50 Metern geräumt und gestreut werden.“ Die Beräumung diene dabei der Gefahrenabwehr, nicht der Wiederherstellung sommerlicher Nutzungsbedingungen. Radfahrer und Fußgänger müssten sich eine Spur gegebenenfalls teilen, wobei die Straßenverkehrsordnung gelte. Eine vollständige Befreiung von Eis und Schnee der Rad- und Fußwege sei kapazitär schlicht nicht möglich, heißt es in der offiziellen Antwort.

Bürger kritisieren mangelnde Räumungspflichten von Privatpersonen

Johann Pahl ist mit seinem Sohn Leon in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV) unterwegs. Ihn stört die Winterglätte kaum, doch er kann die Sorge älterer Menschen gut verstehen. Was ihn nervt, ist, dass „viele Private“ ihrer Räumungspflicht entweder gar nicht oder nur unzureichend nachkämen, indem sie einfach nur eine Schaufel Sand oder Kies über das Eis werfen, sodass sich „Häufchen bilden“. Das bringe niemandem einen echten Nutzen und verschlimmere die Situation oft noch.

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Streugut in Rostock besteht in aller Regel aus Salz, Kies und Sole. Wichtig zu wissen ist, dass Salz als Streugut in Rostock nur in Ausnahmefällen erlaubt ist. Extreme Glätte und Eisregen gelten laut Satzung jedoch als Ausnahmen, da abstumpfende Mittel in diesem Sonderfall keine hinreichende Streuwirkung erzielen könnten. Auch an gefährlichen Stellen wie Treppen oder Rampen dürfen Privatpersonen im Notfall auf Salz zurückgreifen.

Gut gefüllte Streugut-Lager in Rostock

Rund 2000 Tonnen Streusalz und 400 Tonnen Kies seien für die laufende Saison in Rostock bevorratet, informiert Lena Marie Ulke. Zum Vergleich: Im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre seien 800 Tonnen Salz und etwa 120 Tonnen Kies verbraucht worden. Von der eingesetzten Streusalzmenge würden dabei ungefähr 15 Prozent zur Herstellung von Solelösung verwendet, so Ulke. Die Stadt setzt Salz und Sole für Hauptverkehrsstraßen, Kreuzungen, Gefällstrecken und Rettungswege ein. Gehwege sind in der Regel aber auch seitens der Stadtentsorgung salzfrei zu halten.

„Wir verstehen Ihre Sorge um ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen“, heißt es in der Antwort der Verwaltung auf Köpkes Eingabe an die Stadt. „Gerade deshalb konzentrieren wir unsere Ressourcen auf die Sicherstellung einer durchgehend nutzbaren Spur, die ein Mindestmaß an Verkehrssicherheit gewährleistet.“ Die Stadt wolle die von Köpke benannten Abschnitte dennoch erneut an den Winterdienst weitergeben, „damit im Rahmen der Einsatzplanung geprüft werden kann, ob punktuelle Verbesserungen möglich sind“.