Schwerins OB-Kandidat Heiko Steinmüller: Vom unfreundlichsten Wirt zum Rathaus-Chef?
In der Mecklenburgstraße von Schwerin herrscht am späteren Nachmittag geschäftiges Treiben. Gläser klirren leise, Stühle werden über den Holzboden geschoben, und aus den Lautsprechern erklingt dezente Rockmusik. Hinter dem Tresen seines Pubs The Scotsman steht Heiko Steinmüller, begrüßt Gäste mit seiner rauen Stimme und trockenem Humor. Wer hier einkehrt, weiß genau: Dieser Wirt sagt unverblümt, was er denkt. Genau diesen Ansatz möchte er nun auch im Rathaus der Landeshauptstadt etablieren.
Die ungewöhnliche Kandidatur eines Kneipenwirts
Am 12. April 2026 wählen die Schwerinerinnen und Schweriner einen neuen Oberbürgermeister. Heiko Steinmüller tritt als parteiloser Kandidat an und stellt sich bereits am 19. März beim Wahlpodium der SVZ im Wichernsaal den Fragen der Öffentlichkeit. Seine Bewerbung sei anfangs nur zu etwa zwanzig Prozent ernst gemeint gewesen, wie er selbst zugibt. Doch mit der Zeit reifte der Entschluss: Wenn er tatsächlich Veränderungen in der Stadtpolitik erreichen wolle, müsse er selbst aktiv werden und antreten.
Steinmüller ist kein typischer Politiker. Sein bekanntestes Etikett trägt er mit einem gewissen Stolz: „Unfreundlichster Wirt Ostdeutschlands“. Diesen Titel verlieh ihm einst Manni Schmidt, Gitarrist der Metalband Rage, bei einer Lesung im ehemaligen Headbangers. Seitdem wird die Bezeichnung mit seinem Namen in Verbindung gebracht, und Steinmüller nimmt sie mit einem charakteristischen Grinsen an. Die Ironie dient ihm als Stilmittel, doch hinter dem humorvollen Äußeren verbirgt sich eine bemerkenswerte Lebensgeschichte.
Eine Biografie voller Umwege und Brüche
Geboren 1969 in Parchim, absolvierte Steinmüller zunächst eine Maurerlehre, diente bei der NVA und erlebte die Wendezeit als junger Mann in einer Phase tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels. Anschließend zog es ihn in die Welt hinaus. Fast zwei Jahrzehnte lang saß er am Steuer eines Lastwagens und bereiste insgesamt 48 verschiedene Länder. „Ich habe die Welt mit dem Laster gesehen, nicht mit dem Flieger“, betont er heute. Eigentlich plante er, irgendwann nach Rostock zu ziehen, doch durch Zufall und Überredungskunst von Freunden landete er 2011 in Schwerin.
Diese Freunde baten ihn, eine Metal-Kneipe zu übernehmen. Steinmüller kündigte seinen sicheren Job und eröffnete 2012 seinen ersten Laden. Aus der ursprünglichen Szenekneipe entwickelte sich später The Scotsman, der heute als lebendiger Treffpunkt fungiert. Hier sitzen Punker neben Akademikern, Verwaltungsmitarbeiter neben Musikern, und es wird intensiv über Rockmusik, Kommunalpolitik und städtische Belange diskutiert.
Privatleben und politischer Werdegang
Offiziell gehört der Pub seiner Ehefrau Marion Steinmüller, die tagsüber das Geschäft führt und sich um Organisation sowie Papierkram kümmert, während er abends und nachts hinter dem Tresen steht. „Ohne sie gäbe es den Laden längst nicht mehr“, gesteht er dankbar. Kennengelernt haben sich die beiden 2015 auf einem Hardcore-Konzert in Berlin, geheiratet wurde 2017 – selbstverständlich im traditionellen schottischen Kilt. Diese Tracht hängt noch heute sichtbar im Pub aus, ein Symbol für seine Liebe zu Schottland, die während seiner Fernfahrerzeit entstand.
Musikalisch bleibt Steinmüller raueren Klängen treu: Punk, Rock und Metal bestimmen seinen Geschmack. Er singt sogar in einem Shanty-Chor, der genau diese Musikrichtung in ungewöhnliche Seemannsversionen übersetzt. Wenn es einmal leiser werden soll, zieht er sich in ein privates Refugium zurück – ein Zimmer voller Miniaturzüge. Die Modelleisenbahn, ein Kindheitstraum, dient ihm als Ausgleich zum hektischen Kneipenalltag. „Das holt mich runter“, erklärt er. Und manchmal steht auf dem Tresen statt Bier auch ein torfiger Islay-Whisky, kräftig und rauchig, ganz nach seinem persönlichen Geschmack.
Vom Kneipenwirt zum Stadtvertreter
Die ersten politischen Erfahrungen sammelte Steinmüller eher unfreiwillig durch Streitigkeiten um behördliche Auflagen, Auseinandersetzungen mit der Verwaltung und existenzielle Fragen seines Gewerbes. Doch er bewies Hartnäckigkeit. „Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, ziehe ich das durch“, betont er. Aus dem engagierten Kneipenwirt entwickelte sich allmählich ein öffentlicher Akteur. 2019 zog er schließlich in die Schweriner Stadtvertretung ein.
Ein kurzer Ausflug in die SPD folgte, doch die starren Parteistrukturen lagen ihm nicht. Heute sitzt er fraktionslos im Gremium und sieht genau darin seine besondere Stärke. Ein Oberbürgermeister müsse in der Lage sein, zu vermitteln und zu führen, ohne von parteipolitischen Fesseln eingeschränkt zu werden. Diese Unabhängigkeit möchte er in das höchste Amt der Stadt einbringen.
Ein Kandidat mit Ecken und Kanten
„Ich bin kein leichter Mensch“, räumt Steinmüller selbstkritisch ein. Er beschreibt sich als streitbar, ehrgeizig und manchmal ungeduldig, aber stets ehrlich. Vielleicht liegt genau in dieser Authentizität sein politisches Angebot: kein glatt polierter Lebenslauf, sondern einer mit zahlreichen Umwegen, Brüchen und einer Theke als sozialem Mittelpunkt. Vom Maurer zum Fernfahrer, vom Wirt zum Stadtvertreter – der nächste logische Schritt wäre nun das Rathaus.
Für Heiko Steinmüller stellt dies jedoch keinen Karriereschritt im klassischen Sinne dar. Vielmehr ist es die konsequente Fortsetzung eines Weges, der nie streng geplant war, aber stets mit Entschlossenheit beschritten wurde. Ob die Schweriner Wählerinnen und Wähler diesem unkonventionellen Pfad am 12. April folgen werden, bleibt abzuwarten.



