Diskriminierung in Deutschland: EU-Bürger erleben mangelnde Willkommenskultur
Diskriminierung in Deutschland: EU-Bürger erleben mangelnde Willkommenskultur

Diskriminierung in Deutschland: EU-Bürger erleben mangelnde Willkommenskultur

Menschen aus anderen EU-Staaten suchen in Deutschland häufig nach einer Arbeits- und Lebensperspektive, doch landen sie einer aktuellen Studie zufolge oft in einer Sackgasse. Erstmals seit fünfzehn Jahren war der Wegzug aus Deutschland zuletzt größer als der Zuzug. Was sind die Gründe dafür? Eine großangelegte Untersuchung im Auftrag der Bundesregierung liefert hierzu aufschlussreiche Erkenntnisse und bringt neuen Zündstoff in den aktuellen Streit um Kürzungspläne bei Integrationskursen.

Demografische Entwicklung und aktuelle Trends

Ende 2023 lebten etwa 5,1 Millionen Menschen aus anderen EU-Staaten in Deutschland, was 37 Prozent aller Ausländerinnen und Ausländer entspricht. Bis 2017 stellten Südeuropäer die Mehrheit, seit 2018 dominieren Menschen aus Südosteuropa. Die größten Gruppen sind Rumänen mit 910.000 Personen, gefolgt von Polen mit 888.000, Italienern, Bulgaren und Kroaten.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Integration sowie für Antirassismus, Natalie Pawlik (SPD), stellt fest: „Wir haben seit 2024 mehr Abwanderung als Zuwanderung von EU-Beschäftigten.“ Experten sprechen von einem negativen Abwanderungssaldo von rund 34.000 Personen. In einer Befragung denkt etwa ein Drittel der Teilnehmer über eine Abwanderung nach.

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Gründe für die Abwanderung

Hauptmotive sind laut Studie die hohen Wohn- und Lebenshaltungskosten sowie ein mangelndes Gefühl der Zugehörigkeit in Deutschland. Für die Untersuchung wurden Ausländerinnen und Ausländer aus anderen EU-Staaten in sozialen Netzwerken befragt, da die Datenlage eine klassische repräsentative Umfrage nicht zuließ. Diskriminierung und Arbeitslosigkeit spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle.

Berufliche Situation und Diskriminierungserfahrungen

Von den 2,7 Millionen erwerbstätigen EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern in Deutschland stammen 1,7 Millionen aus ost- und südosteuropäischen Ländern. Viele stecken jedoch in schlecht bezahlten Jobs ohne besondere Anforderungen fest, etwa in Reinigung, Transport oder ähnlichen Bereichen. Studienleiter Bernhard Boockmann von der Universität Tübingen erklärt: „Viele sind gewissermaßen gefangen in Helferbereichen.“ Neuankömmlinge konzentrieren sich oft darauf, überhaupt einen Job zu finden. Wenn sie es verpassen, Deutsch zu lernen und sich weiterzuqualifizieren, kann sich diese Situation verfestigen.

Die Studie zitiert eine Bulgarin als typisches Beispiel: „Das ist immer der Subtext: Sie schicken mich weg, weil ich Bulgarin bin, weil ich Roma bin, weil ich eine andere Hautfarbe habe.“ Die Autoren des Tübinger Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung stellen fest: „Diskriminierungserfahrungen prägen für viele EU-Bürgerinnen den Integrationsprozess in Deutschland.“ Besonders betroffen sind Menschen aus Rumänien und Bulgarien sowie Sinti und Roma, die in Behörden, bei der Wohnungssuche oder im Alltag Antislawismus und Antiziganismus erfahren.

Migrationsmotive und Arbeitslosigkeit

In der Social-Media-Befragung gaben 26 Prozent der Teilnehmer an, wegen ihres Partners nach Deutschland gekommen zu sein, 24 Prozent hatten ein konkretes Jobangebot, und 17 Prozent kamen für Ausbildung oder Studium. Weitere Motive waren finanzielle Gründe (14 Prozent) und die EU-Freizügigkeit (13 Prozent). Bei Personen aus Südosteuropa dominierten finanzielle Gründe mit 24 Prozent.

Die Zahl der arbeitslosen Bürger aus anderen EU-Staaten stieg von 2011 bis 2023 von 117.000 auf 219.000, wovon hauptsächlich Menschen aus südosteuropäischen Ländern betroffen sind. Deutschkenntnisse gelten als Schlüssel für beruflichen Aufstieg, soziale Teilhabe und eine langfristige Bleibeperspektive.

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Politische Implikationen und Integrationskurse

Integrationsbeauftragte Natalie Pawlik betont, dass die Studie die negativen Auswirkungen eines geplanten Zulassungsstopps zu Integrations- und Sprachkursen aufzeigt, der auf Betreiben des CSU-Innenministers erwogen wird. Sie hält diesen Stopp für „fatal“ und erklärt: „Ich halte das integrationspolitisch, aber auch gesellschaftspolitisch für falsch, weil Sprache der zentrale Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe, für Aufstieg in unserer Gesellschaft ist.“ Von den 130.000 von dem Kurs-Stopp Betroffenen sind 37.000 EU-Bürgerinnen und EU-Bürger.

Die Studie unterstreicht die dringende Notwendigkeit, die Willkommenskultur in Deutschland zu verbessern und Diskriminierung zu bekämpfen, um die Abwanderung von EU-Bürgern zu stoppen und ihre Integration zu fördern.