Neue Regierungsstudie: EU-Bürger fühlen sich in Deutschland oft unwillkommen
Eine umfangreiche Untersuchung im Auftrag der Bundesregierung beleuchtet die Lebenssituation von Millionen EU-Bürgern in Deutschland. Die Ergebnisse sind alarmierend: Erstmals seit 15 Jahren übersteigt der Wegzug aus Deutschland den Zuzug aus anderen EU-Staaten. Rund 5,1 Millionen Menschen aus EU-Ländern lebten Ende 2023 in der Bundesrepublik, was 37 Prozent aller in Deutschland ansässigen Ausländer entspricht.
Demografischer Wandel und aktuelle Zahlen
Die Zusammensetzung der EU-Zuwanderer hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Waren bis 2017 noch Südeuropäer in der Mehrheit, stellen seit 2018 Menschen aus Südosteuropa die größte Gruppe. Allein 910.000 Personen besitzen die rumänische Staatsangehörigkeit, gefolgt von 888.000 Polen. Weitere bedeutende Gruppen stammen aus Italien, Bulgarien und Kroatien.
Der negative Abwanderungssaldo von etwa 34.000 Personen im Untersuchungszeitraum unterstreicht eine besorgniserregende Entwicklung. Etwa ein Drittel der befragten EU-Bürger denkt aktuell über eine Rückkehr in ihre Heimatländer nach.
Hauptgründe für die Abwanderung
Die Studie identifiziert mehrere zentrale Motive für die Entscheidung, Deutschland wieder zu verlassen:
- Hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten stellen für viele Zuwanderer eine erhebliche Belastung dar.
- Mangelndes Gefühl der Zugehörigkeit und Diskriminierungserfahrungen im Alltag.
- Prekäre Arbeitsverhältnisse und Sprachbarrieren erschweren die Integration.
Insgesamt sind 2,7 Millionen EU-Bürger in Deutschland erwerbstätig, davon stammen 1,7 Millionen aus ost- und südosteuropäischen Ländern.
Diskriminierung als Alltagserfahrung
Die Studienautoren des Tübinger Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung kommen zu einem deutlichen Urteil: „Diskriminierungserfahrungen prägen für viele EU-Bürgerinnen den Integrationsprozess in Deutschland.“ Besonders betroffen sind Menschen aus Rumänien und Bulgarien sowie Angehörige der Sinti und Roma.
Die Untersuchung dokumentiert subtile Formen der Ausgrenzung in Behörden, auf dem Wohnungsmarkt und im täglichen Leben. Antislawismus und Antiziganismus seien in Deutschland weiterhin verbreitet und würden von Betroffenen deutlich wahrgenommen.
Wohn- und Arbeitsbedingungen im Fokus
Viele EU-Zuwanderer leben in prekären Verhältnissen mit hohen Mietbelastungen. Bei der Wohnungssuche erfahren sie häufig Benachteiligungen. Sprachkenntnisse und soziale Netzwerke – insbesondere Kontakte zu Landsleuten – erweisen sich als wichtige Hilfsmittel.
Die Qualifikationsstruktur hat sich verschoben: Rund 33 Prozent der EU-Staatsangehörigen gelten als gering qualifiziert, während 29 Prozent als hochqualifiziert eingestuft werden.
Migrationsmotive und berufliche Perspektiven
Die Social-Media-Befragung der Studie offenbart unterschiedliche Gründe für die Einwanderung nach Deutschland:
- 26 Prozent zogen wegen ihres Partners oder ihrer Partnerin nach Deutschland.
- 24 Prozent hatten ein konkretes Jobangebot erhalten.
- 17 Prozent kamen für Ausbildung oder Studium.
- Finanzielle Gründe (14 Prozent) und die EU-Freizügigkeit (13 Prozent) spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Die Arbeitslosigkeit unter EU-Bürgern ist von 2011 bis 2023 von 117.000 auf 219.000 Personen gestiegen, wobei besonders Zuwanderer aus Südosteuropa betroffen sind.
Politische Reaktionen und Forderungen
Natalie Pawlik (SPD), Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Integration und Antirassismus, äußert sich besorgt: „Wer nach Deutschland kommt, arbeitet und unsere Gesellschaft mitgestaltet, hat das Recht auf echte Teilhabe.“
Sie kritisiert insbesondere die von Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) vorangetriebene Einschränkung des kostenlosen Zugangs zu Integrationskursen. Pawlik fordert besseren Zugang zu Sprachkursen und warnt: „Wir können es uns nicht leisten, ein Drittel der EU-Bürgerinnen und -Bürger durch schlechte Bedingungen wieder zu verlieren.“
Die Studie macht deutlich: Ohne verbesserte Integrationsangebote und entschlossenes Vorgehen gegen Diskriminierung droht Deutschland weiter an Attraktivität für EU-Zuwanderer zu verlieren.



