Nach dem Tod von Drogenboss El Mencho: Exil-Mexikaner in Florida blicken besorgt auf Heimat
Der Vorort Homestead in Miami gilt als Zentrum der mexikanischen Gemeinschaft in Südflorida. Hier leben etwa 85.000 Menschen, von denen rund 70 Prozent lateinamerikanische Wurzeln haben. Während in diesem Viertel fast ausschließlich lateinamerikanische Geschäfte und Restaurants das Straßenbild prägen, brennt es 2400 Kilometer entfernt in der alten Heimat vieler Bewohner.
Nach dem Tod des mächtigen Drogenbosses Nemesio „El Mencho“ Cervantes befindet sich Mexiko in einem Zustand, der an Krieg erinnert. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum hatte am Sonntag einen großangelegten Militäreinsatz gegen den Kartellchef genehmigt, bei dem der 59-Jährige ums Leben kam. Seitdem versetzen seine Anhänger das Land in Angst und Schrecken – mindestens 74 Menschen sollen bei den gewaltsamen Ausschreitungen bereits gestorben sein.
Die Stimmen der Exilanten: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung
In Homestead haben mehrere mexikanische Auswanderer mit ihrer Sicht auf die dramatischen Entwicklungen gesprochen. Der 25-jährige Valentin, der vor acht Jahren in die USA kam und heute in einem Eisladen arbeitet, empfindet den Militärschlag als notwendig. „Es ist ein wichtiger Schlag gegen den Drogenhandel“, sagt er emotional. Zwar leide die Zivilbevölkerung unter brennenden Bussen und Tankstellen, doch dieses Durchstehen sei ein notwendiges Übel.
Valentin stammt aus Michoacán, einem Bundesstaat, der extrem unter dem Kartell leidet. Täglich erhält er von Familie und Freunden Schreckensnachrichten: „Es ist sehr, sehr hässlich, was das Kartell da macht.“
Generationenübergreifende Sorgen und Analysen
Der 62-jährige Farmarbeiter Crispin, der seit 45 Jahren in den USA lebt, schmerzt sehr, was aus seiner mexikanischen Heimat geworden ist. Auch er stammt aus Michoacán und spricht viel besser Spanisch als Englisch. „Jeder von diesen Kartell-Leuten ist mit einem Vater und einer Mutter aufgewachsen, die ihnen keine Erziehung gegeben haben“, analysiert er. „Hätten sie eine Erziehung genossen, wären sie nicht aus Geldgier in diese Sache hineingezogen worden.“
Crispin glaubt, dass die Kartelle mittlerweile viel mehr Macht hätten als die mexikanische Regierung. Diese Einschätzung teilen viele der Befragten, die die staatlichen Institutionen als zu schwach im Kampf gegen die organisierten Verbrecherbanden wahrnehmen.
Zwischen Zustimmung und Kritik: Unterschiedliche Perspektiven
Maria, eine 34-jährige Putzfrau, die seit 20 Jahren in den USA lebt, ist ein großer Fan von Präsidentin Sheinbaum. „Momentan sehen die Leute es so: Oh, Mexiko geht es sehr schlecht, es gibt viel Gewalt und Tote“, sagt sie. „Das sei traurig, aber notwendig, damit es Mexiko in der Zukunft gut gehe.“
Sie fügt hinzu: „Die Präsidentin baut Schulen und Krankenhäuser, erzieht die Kinder dazu, sich gesund zu ernähren. All das wird dazu führen, dass Kinder nicht mehr bei Kartellen nach Arbeit suchen müssen.“ Maria möchte sich jedoch nicht fotografieren lassen – aus Angst vor den Einwanderungsbehörden.
Ein Verkäufer aus Honduras berichtet, dass die Straßen in Homestead seit den jüngsten Entwicklungen oft leer seien. „Seitdem ist das hier oft eine Geisterstadt, es wurden sogar zeitweise Leute eingesperrt, die in den USA geboren wurden“, erzählt er.
Die akademische Perspektive: Ein kritischer Blick
Unter den Befragten sieht nur der 25-jährige Student Alexander den Militärschlag kritisch. Der in den USA geborene Student mit mexikanischen Wurzeln studiert Kriminalwissenschaften und sagt: „Ich studiere Kriminalwissenschaften. Da ist es gut, sich in andere hineinversetzen zu können.“
Alexander hat Serien wie „El Chapo“ gesehen und hält es für möglich, dass die Drogen-Gangster den einfachen Leuten auch helfen könnten, weshalb diese jetzt auf die Straße gehen. Auffällig ist, dass Alexander der Einzige ist, der den Kartell-Terror nicht am eigenen Leib erfahren hat, da er nie in Mexiko lebte.
Die mexikanische Gemeinschaft in Homestead bleibt gespalten zwischen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihre Heimat und der Angst vor weiterer Gewalt. Während einige den Tod El Menchos als notwendigen Schritt sehen, fürchten andere die Eskalation der Gewalt und die langfristigen Folgen für die mexikanische Gesellschaft.



