Iran-Krieg: Droht Europa eine neue Migrationskrise wie in Syrien?
Bundeskanzler Friedrich Merz hat angesichts der eskalierenden Gewalt im Iran ein düsteres Bild vor Augen gezeichnet. „Wir möchten kein syrisches Szenario erleben“, erklärte der CDU-Chef in München. Der Hinweis bezieht sich auf den jahrelangen Bürgerkrieg in Syrien, der Millionen Menschen zur Flucht zwang – viele davon nach Deutschland und Europa.
Experten bewerten aktuelle Fluchtbewegungen
Nach Angaben iranischer Medien sollen seit Beginn der Angriffe bereits mehr als 1.200 Menschen ums Leben gekommen sein. Raketen treffen Teheran, Zehntausende haben ihre Heimat verlassen. Doch internationale Organisationen sehen bisher keine Anzeichen für größere Fluchtbewegungen aus dem Iran in andere Länder.
EU-Migrationskommissar Magnus Brunner bekräftigte auf Anfrage: „Aktuell beobachten wir keine größeren Bewegungen in Richtung der Außengrenzen Irans.“ Dies liege auch daran, dass sich die Angriffe auf genau definierte Ziele innerhalb des Landes beschränkten.
Besondere Sorge um afghanische Flüchtlinge
Ein Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) erklärte, viele Iraner aus Teheran könnten zunächst zu Familienmitgliedern in anderen Landesteilen fliehen – sie verfügten über ein soziales Netzwerk. Ganz anders stellt sich die Situation für die etwa 2,5 Millionen Afghanen im Iran dar, die oft selbst vor Krieg geflohen sind und eben dieses Netzwerk vermissen.
Laut einem Bericht des „Spiegel“ und des ARD-Magazins „Report Mainz“ beschäftigt diese Gruppe auch die EU-Kommission intensiv. In internen diplomatischen Korrespondenzen warnten EU-Beamte: Sollte der Iran anhaltend destabilisiert werden, könnten die Afghanen in Nachbarländer fliehen.
Deutschland als mögliches Ziel
Falls gebürtige Iranerinnen und Iraner vertrieben werden sollten, könnte Deutschland ein mögliches Ziel sein. In keinem anderen EU-Land leben mehr iranische Staatsangehörige als in der Bundesrepublik – laut Bundesinnenministerium waren es Ende Januar 161.817 Personen. Viele iranische Flüchtlinge und Arbeitsmigranten aus den 80er und 90er Jahren sind längst eingebürgert und bilden eine etablierte Community.
Türkei bereitet sich vor
Angesichts der angespannten Lage bereitet sich die Türkei mit ihrer mehr als 500 Kilometer langen Grenze zum Iran bereits auf mögliche Fluchtbewegungen vor. Der türkische Innenminister Mustafa Ciftci sprach von:
- Steuerung der Migration auf iranischem Gebiet
- Pufferzonen an der iranisch-türkischen Grenze
- Kontrollierter Aufnahme in die Türkei als „letzte Option“
In geplanten Zeltstädten an der Grenze könnten künftig bis zu 90.000 Menschen untergebracht werden.
EU sieht sich besser vorbereitet
Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück vermutet, dass die Flucht durch die Türkei nach Europa schwerer geworden ist als noch vor etwa zehn Jahren. „Die Türkei hat seither massiv in Grenzsicherungsmaßnahmen investiert“, sagte er. Ähnliches gelte für EU-Staaten wie Bulgarien oder Griechenland.
EU-Migrationskommissar Brunner sieht die Europäische Union gewappnet: „Wir sind besser vorbereitet als vor zehn Jahren.“ Er verwies auf mehr globale Kooperationen sowie ein digitales Einreisesystem, das seit wenigen Monaten betrieben wird und an Grenzübergängen mehr Daten von Nicht-EU-Bürgern sammelt.
Neue Asylreform ab Juni 2026
Die europäische Asylreform (Geas) sieht im Falle von Massenmigration einen Krisenmechanismus vor. Wird er aktiviert, sollen die 27 EU-Länder:
- Sich solidarisch zeigen
- Asylsuchende fair untereinander verteilen
- Die europäischen Grenzregionen mit Ressourcen unterstützen
Dieser Notfallplan steht der EU aber erst ab Juni 2026 zur Verfügung. Dann tritt auch ein Großteil der weiteren, strengeren Migrationsregeln der Asylreform in Kraft. Dass es diese Reform des europäischen Asylsystems überhaupt gab, lag vor allem an einer Befürchtung: ein weiteres „syrisches Szenario“.
US-Außenminister Marco Rubio geht laut Medienberichten davon aus, dass der Krieg im Iran noch mehrere Wochen dauern wird. Die Frage bleibt: Kommt auf Deutschland und den Rest Europas nun tatsächlich eine weitere Migrationskrise zu? Die Antwort hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung des Konflikts ab.



