Iranische Aktivistin in München: Vom Gefängnis zur Freiheit im Kampf für Demokratie
Iranerin in München: Vom Gefängnis zur Freiheitskämpferin

Vom Evin-Gefängnis nach München: Eine Iranerin kämpft für Freiheit

„Auch wenn es schmerzhaft ist“ – mit diesen Worten beschreibt Sahar Berlouie ihren Weg als Aktivistin. Drei Monate saß die 41-jährige Iranerin im berüchtigten Evin-Gefängnis, bevor sie vergangenes Jahr nach München fliehen konnte. Heute blickt sie von ihrer neuen Heimatstadt aus mit Sorge, aber auch Hoffnung auf den Krieg in ihrem Land.

„Das erste Mal in meinem Leben spüre ich Freiheit“

„Das erste Mal in meinem Leben spüre ich so etwas wie Freiheit“, sagt Berlouie über ihr neues Leben in München. Hier müsse sie keine Angst haben, wenn sie die Polizei sehe – ein fundamentaler Unterschied zu ihrer Heimat, wo sie wegen ihrer Teilnahme an Protesten bereits drei Monate im Gefängnis verbringen musste. Seit knapp einem Jahr lebt die Software-Ingenieurin nun in Deutschland, wo sie sich als Ordnerin bei der Großdemo auf der Theresienwiese während der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar engagierte.

Vom Studium zur Aktivistin: Ein Weg der Notwendigkeit

Bereits mit 17 Jahren beobachtete Berlouie im Iran die Proteste auf den Straßen, während sie Software-Engineering im Westen Teherans studierte. Mit 30 Jahren schloss sie sich dann aktiv den Protesten an. „Wenn du gegen die Unterdrückung kämpfst, wirst du automatisch zur Aktivistin“, erklärt sie. „Ich habe mir das nicht ausgesucht, aber ich konnte nicht mehr still sein und die Unterdrückung hinnehmen.“ Das gemeinsame Handeln mit anderen habe ihr ein Gefühl von Macht gegeben: „Das bedeutet, dass man zusammen stark ist und gegen die Diktatur kämpfen kann, auch wenn es schmerzhaft ist.“

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Verhör, Schläge und gebrochene Finger im Evin-Gefängnis

Diese Schmerzen hat Berlouie am eigenen Leib erfahren müssen. Während der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste im Jahr 2022 nach dem Tod von Jina Mahsa Amini holte der iranische Geheimdienst sie von zu Hause ab. Sieben große Männer brachten sie ins Evin-Gefängnis, eines der berüchtigsten Gefängnisse des Landes. Ihr wurden Aufruhr und Verbreitung von Propaganda gegen das System vorgeworfen.

Zwei Monate verbrachte Berlouie in einer kleinen Einzelzelle im Trakt 209, der dem Geheimdienst untersteht. Nach ihren Angaben wurde sie täglich verhört und sollte Informationen über andere Aktivistinnen preisgeben. Weil sie sich weigerte, wurde sie mit Stöcken an Armen und Beinen geschlagen. „Sie haben mich mit verbundenen Augen von meinem Stuhl gegen die Wand geschubst“, berichtet Berlouie. Dabei brach sie sich zwei Finger. Medizinische Hilfe erhielt sie keine – stattdessen kümmerte sich eine ebenfalls inhaftierte Aktivistin um sie.

Flucht über die Türkei nach München

Weil es die ersten Vorwürfe gegen sie waren, kam Berlouie nach drei Monaten unter Auflagen frei. Doch auch danach trug sie öffentlich weiter keinen Hijab – was zu harten Strafen führen kann. Auf der Straße wurde sie verfolgt und bedroht. Die klare Botschaft: Sie solle das Land verlassen, sonst drohe ihr erneut das Gefängnis.

Berlouie floh zunächst in die Türkei, wo sie als Software-Entwicklerin arbeitete, bis eine Hilfsorganisation aus München Kontakt zu ihr aufnahm. Diese vermittelte ihr eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen in Deutschland. Seitdem lebt sie in der bayerischen Landeshauptstadt.

Aktivistische Arbeit im Exil und der Blick auf den Krieg

Als Aktivistin steht Berlouie in Kontakt mit anderen Exil-Iranern in ganz Europa. Gemeinsam versuchen sie, sich gegenseitig zu informieren und zu unterstützen. Als Software-Ingenieurin baut sie momentan eine Internetseite auf, durch die Iraner beispielsweise professionelle psychologische Hilfe bei anderen Iranern finden können.

Der aktuelle Krieg in ihrer Heimat löst bei Berlouie gemischte Gefühle aus. Zu Beginn der Angriffe der USA und Israels auf den Iran seien sie und ihr Umfeld sehr glücklich gewesen. Sie wünschen sich ein schnelles Ende der Islamischen Republik, das ohne Hilfe von außen nicht möglich sei. Vor allem die Nachricht vom Tod des obersten Führers Ali Chamenei, der fast 37 Jahre über das Land herrschte, habe Hoffnung erweckt.

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Doch neben der Freude herrscht bei Berlouie auch große Traurigkeit. „Ich fühle mich sehr schlecht für die Menschen in meinem Land, die jetzt unter der Bombardierung leben müssen“, sagt sie. „Ich weine viel. Manchmal fühle ich mich sogar so schlecht, dass ich gar nicht mehr weinen kann.“ Sie schlafe derzeit sehr schlecht und schaue durchgängig die Nachrichten.

Abgeschnitten von Familie und ungewisse Zukunft

Besonders belastet Berlouie, dass sie keine Informationen und keinen Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden im Iran hat. Das Internet ist dort größtenteils abgestellt, auch das Mobilfunknetz funktioniert nicht. Vor allem bei Angriffen auf den Westen Teherans, wo ihre Familie wohnt, macht sie sich große Sorgen.

Zu welchem Ergebnis der Krieg führt, kann Berlouie nicht einschätzen. „US-Präsident Donald Trump ist unberechenbar“, sagt sie. „Wir müssen sehen, was passiert, und hoffen, dass die Menschen möglichst wenig durch den Krieg leiden müssen.“ Sie ist sich aber sicher, dass die USA das iranische Regime wechseln könnten, wenn sie es wirklich wollten. Gleichzeitig hofft sie, dass die amerikanischen Angriffe nicht zu ähnlichen Entwicklungen führen wie in Afghanistan, Irak oder Syrien.

Vision für den Iran und Pläne in München

Am liebsten wäre der 41-Jährigen für ihr Land ein demokratisches und föderales System wie in Deutschland, das den regionalen Unterschieden und verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Iran gerecht wird. Bis es dazu kommt, möchte Berlouie in München das B1-Niveau in Deutsch erreichen. Wenn sich dann im befreiten Iran deutsche Unternehmen ansiedeln würden, könnte sie mit ihren Sprachkenntnissen für diese arbeiten.

Für Sahar Berlouie bleibt der Kampf für Freiheit und Demokratie im Iran auch in München ihre zentrale Mission – ein Kampf, der trotz aller Schmerzen weitergeht.