Ukrainerin berichtet im Landtag: Verschleppung als Kind und Flucht durch Minenfelder
Ukrainerin im Landtag: Verschleppung als Kind und Flucht

Ukrainerin schildert im Landtag ihre Verschleppung als Minderjährige

Die 19-jährige Valeriia Sydorova hat im Niedersächsischen Landtag in Hannover ihre bewegende Geschichte erzählt. Die Ukrainerin berichtete auf Ukrainisch, wie sie als Teenagerin aus ihrer Heimat verschleppt wurde und schließlich allein durch Minenfelder zurückkehrte. Ihre Worte wurden von einer Dolmetscherin übersetzt.

Besetzung der Heimatstadt und Verschleppung

„Als ich die ukrainische Fahne gesehen habe und unsere Soldaten, da bin ich in Tränen ausgebrochen“, sagte Sydorova. Mit 15 Jahren erlebte sie die Einnahme ihrer Heimatstadt durch russische Truppen. „Das war vier Uhr morgens. Wir haben Detonationen gehört“, erinnerte sie sich. Bereits am späten Vormittag seien russische Panzer in der Stadt gewesen und Checkpoints errichtet worden.

Die Besatzung veränderte das Leben dramatisch. Lebensmittel und Medikamente wurden knapp, viele Menschen starben. Mädchen hatten besonders große Angst, Sydorova verließ das Haus nur noch in Begleitung. „Wir haben gesehen, wie Mädchen auf dem Markt einfach entführt wurden“, berichtete sie.

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Zwangstransport in ein Lager auf der Krim

Schließlich wurde auch Sydorova selbst verschleppt. Die Schule rief ihre Großmutter an, die Kinder sollten sich am zentralen Platz versammeln. Busse standen bereit, man sagte ihnen, sie würden für zwei Wochen in ein Ferienlager auf die Krim fahren. „Es gab ja keine Wahl“, sagte Sydorova. „Alle Kinder mussten fahren.“

Im Lager begann ein strenger Alltag. Jeden Morgen wurde die russische Hymne gesungen, danach folgte Unterricht – oder das, was so genannt wurde. „Das waren Erzählungen über Russland“, berichtete Sydorova. Ukrainisch durfte niemand sprechen. In ihrem Abschlusszeugnis stand, Russisch sei ihre Muttersprache.

Gesundheitsprobleme und Isolation

Kontakt zu den Familien gab es nicht mehr. Viele Kinder wurden krank, Medikamente fehlten. Wer Hilfe suchte, wurde oft abgewiesen. „Du musst hohes Fieber haben“, habe eine Krankenschwester gesagt. Kopfschmerzen seien nur ein Vorwand, nicht zum Unterricht zu gehen.

Nach den ersten zwei Wochen wurde klar, dass sie nicht zurückkehren würden. Kameras, Wachen und Checkpoints ließen das Lager wie ein Gefängnis wirken. „Du kannst das Gelände nicht verlassen“, sagte Sydorova.

Gefährliche Flucht durch Minenfelder

Ihre Rettung wurde schließlich über eine Verwandte organisiert. Als Waise fürchtete sie, in Russland zwangsweise eingebürgert zu werden. Sie machte sich allein auf den Weg – über mehrere russische Städte und einen improvisierten Grenzübergang.

Der letzte Abschnitt führte über eine zerstörte Straße zwischen den Frontlinien. „Zweieinhalb bis drei Kilometer, komplett zerbombt“, sagte sie. Auf beiden Seiten waren Minenfelder. Russische Soldaten verhörten sie, fotografierten ihre Papiere. Danach durfte sie weiter.

Am nächsten Tag erließ Russland eine Verordnung, nach der Minderjährige die Grenze nicht mehr passieren durften. „Das war die letzte Chance, die ich genutzt habe“, sagte Sydorova.

Systematische Indoktrination und möglicher Völkermord

Landtagspräsidentin Hanna Naber (SPD) sprach von einem „staatlich organisierten Programm aus Indoktrination und Militarisierung“. Sie verwies auf Untersuchungen, wonach Hunderte Einrichtungen in Russland und in besetzten Gebieten Teil eines Systems seien, in dem ukrainische Kinder umerzogen und teils militärisch ausgebildet würden.

Die ukrainische Kinderrechtsaktivistin Olha Yerokhina sieht in dem Vorgehen Russlands ein System. Viele Kinder berichteten, sie hätten ihre Sprache nicht sprechen dürfen. „Man sagte ihnen: Dein Land existiert nicht. Dein Volk existiert nicht.“ Das seien Anzeichen für einen möglichen Völkermord.

Neuanfang in der Ukraine

Heute lebt die 19-jährige Sydorova in Kiew und studiert Medizin. Ihr Freund – ebenfalls aus den besetzten Gebieten – habe über Umwege das Land verlassen und sei später zu ihr gekommen. „Wir sind Binnenflüchtlinge, bauen unser Leben neu auf“, sagte sie. „Aber wir wissen, was wir wollen: Wir möchten in der Ukraine leben.“

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Nach früheren ukrainischen Angaben wurden Tausende Kinder und Jugendliche aus russisch besetzten Gebieten verschleppt. Russland hat die Vorwürfe immer wieder zurückgewiesen. 2023 hatte der Internationale Strafgerichtshof wegen des Vorwurfs der Verschleppung von ukrainischen Kindern Haftbefehle gegen Putin und die russische Kinderbeauftragte Maria Lwowa-Belowa ausgestellt. Zahlreiche Kinder sind inzwischen wieder in ukrainische Obhut zurückgekehrt.