FDP-Spitze im Umbruch: Kubicki strebt Vorsitz an
Nach einer Serie verheerender Wahlniederlagen befindet sich die Führungsspitze der Freien Demokraten in einem tiefgreifenden Umbruch. Der langjährige Parteivize Wolfgang Kubicki hat seine Kandidatur für den Bundesvorsitz beim anstehenden Parteitag im Mai angekündigt. Gleichzeitig zog der amtierende Parteichef Christian Dürr seine bereits erklärte Bewerbung überraschend zurück.
Generationenkonflikt bei den Liberalen
Dennoch zeichnet sich eine kontroverse Kampfkandidatur ab. Der nordrhein-westfälische Partei- und Fraktionschef Henning Höne bekräftigte am Ostersonntag entschlossen, ebenfalls für den Vorsitz zu kandidieren. Damit entsteht ein deutlicher Generationenkonflikt innerhalb der geschwächten Liberalen.
Wolfgang Kubicki, seit über fünf Jahrzehnten FDP-Mitglied und mittlerweile 74 Jahre alt, hatte eigentlich bereits seinen politischen Rückzug angekündigt, nachdem die Liberalen 2025 aus dem Bundestag flogen. Damals äußerte er selbstkritisch: „Dass ich nicht die Zukunft der Partei bin, das weiß ich selbst.“ Diese Einschätzung revidierte der erfahrene Politiker nun grundlegend.
„Ich kandidiere“, verkündete Kubicki auf der Plattform X und ergänzte entschlossen: „Ich will eine Partei, die mit neuem Selbstbewusstsein die politischen Debatten in diesem Land anführt, statt ihnen hinterherzulaufen.“ In der „Bild am Sonntag“ bekräftigte er seinen Willen, die FDP wieder zu erfolgreichen Zeiten zurückzuführen.
Dürr zieht sich zurück - Höne bleibt im Rennen
Christian Dürr, erst seit einem Jahr im Amt als Bundesvorsitzender, hatte im März noch seine erneute Kandidatur angekündigt. Dies geschah unmittelbar nach weiteren Wahldebakeln der FDP in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, wo die Partei an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Nach Kubickis Ansage vollzog der 48-Jährige jedoch eine Kehrtwende.
„Für neue Erfolge der FDP brauche es eine geschlossene Formation“, begründete Dürr seinen Rückzug gegenüber „Bild“. „Ich leiste meinen Beitrag dazu, unterstütze Wolfgang Kubicki und werde nicht antreten.“
Ganz anders positioniert sich Henning Höne. Der 39-Jährige, etwa halb so alt und deutlich weniger bekannt als Kubicki, bekräftigte auf X entschlossen: „Mein Angebot an die Partei bleibt bestehen: Die FDP braucht einen Neustart.“ Er betonte seine Freude am Wettbewerb mit dem erfahrenen Parteiveteranen.
Prominente Unterstützung für Generationswechsel
Höne erhält prominente Unterstützung von der Europapolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Die 68-Jährige kritisierte Kubicki scharf: „Es ist nicht die Zeit für persönliche Eitelkeiten oder späte Selbstvergewisserung.“ Ihrer Ansicht nach müsse die FDP von einer neuen Generation geführt werden, „nicht nur von alten Schlachtrössern“.
Desolate Situation der Liberalen
Die aktuelle Lage der Freien Demokraten präsentiert sich äußerst prekär. Nach den jüngsten Wahlniederlagen sind die Liberalen nur noch in sechs von sechzehn Landtagen vertreten. Einzig in Sachsen-Anhalt stellen sie noch einen Regierungspartner. Bundesweit stagnieren sie in Umfragen bei etwa drei Prozent.
Die bevorstehenden Landtagswahlen im September in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin bieten wenig Anlass für Optimismus. Kubicki selbst zeigte sich so pessimistisch, dass er eine ungewöhnliche Wette einging: „Wenn die FDP in Sachsen‑Anhalt oder anderswo im Osten über fünf Prozent kommt und in den Landtag einzieht, lasse ich mir die Haare abschneiden“, erklärte er dem „Stern“.
Kubickis markante Positionen
Der in Braunschweig geborene Jurist, der seit Jahrzehnten für Schleswig-Holstein Politik macht, fiel stets durch markante Äußerungen auf. In seinem 2025 erschienenen Buch „Aufwind im Freien Fall“ formulierte er seine politische Philosophie: „Liberale müssen immer die Stahlbürste in der Hand führen, mit der sie gegen den Strich gehen.“
Während der Ampel-Koalition mit SPD und Grünen trieb Kubicki seine eigene Partei immer wieder an, insbesondere nach enttäuschenden Ergebnissen in Hessen und Bayern 2023. Seine Unzufriedenheit mit der Koalition äußerte sich deutlich in Kritik am Atomausstieg und scharfen Angriffen auf die Grünen.
In seinem Buch rechnete er insbesondere mit Außenministerin Annalena Baerbock und Wirtschaftsminister Robert Habeck ab, den er als „unfähigsten Wirtschaftsminister aller Zeiten“ bezeichnete.
Schärfere politische Ausrichtung
Kubicki riet seiner Partei zu mutigeren Positionierungen: „Es darf keine Scheu vor Zuspitzung geben, keine Sorge, dass man des Populismus geziehen wird.“ Die Freien Demokraten sollten sich „nicht zu fein sein, in Wählersegmente vorzudringen, die wir vorher liegengelassen haben“.
Seine Analyse Deutschlands fiel drastisch aus: „Infrastrukturell kaputt, zu feist und international nicht mehr satisfaktionsfähig“. Kubicki beklagte vermeintliche Einschränkungen der Meinungsfreiheit sowie Versäumnisse in Corona- und Migrationspolitik.
In der Migrationsfrage vertritt er eine restriktive Linie und warnte im Februar 2025 vor Integrationsbemühungen für bestimmte Gruppen. Gleichzeitig mahnte er, die rund 20 Prozent AfD-Wähler nicht auszugrenzen.
Allerdings lagen Kubickis Prognosen nicht immer richtig. Noch im Dezember 2024, nach dem Bruch der Ampel-Koalition, prophezeite er im „Stern“ ein zweistelliges Ergebnis für die FDP bei der Neuwahl. Tatsächlich erreichten die Liberalen lediglich 4,3 Prozent.



