Linke-Parteiikone Gregor Gysi im Kreuzfeuer der Kritik
Die Debatte innerhalb der Partei Die Linke erreicht einen neuen Höhepunkt. Mehr als 200 Genossinnen und Genossen fordern von ihrem prominentesten Vertreter, Gregor Gysi, die Teilnahme an einer antirassistischen Weiterbildung. Der 78-jährige Alterspräsident des Bundestags hatte in einem Podcast-Interview kontroverse Aussagen getätigt, die nun als rassistisch kritisiert werden.
Auslöser war ein Interview im Fokus-Podcast
Im Podcast Machtmenschen des Magazins Focus äußerte sich Gysi ungewöhnlich offen über antiisraelische und antisemitische Tendenzen innerhalb seiner eigenen Partei. Seine konkreten Worte lösten eine heftige interne Diskussion aus. Gysi erklärte: „Das ist jetzt deshalb gefährlicher geworden, weil viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund, auch mit spezifischem Migrationshintergrund, in unsere Partei gekommen sind, was ich eigentlich sehr begrüße. Aber sie bringen eben Sichten auf Israel mit, die falsch sind.“
Scharfe Reaktion der migrantischen Linken
Besonders die Bundesarbeitsgemeinschaft Migrantische Linke reagierte mit scharfer Kritik. In einem zweiseitigen Brief an Gysi und den Parteivorstand um Ines Schwerdtner und Jan van Aken werfen sie dem langjährigen Politiker vor, rassistische Narrative zu reproduzieren. Rund 180 Mitglieder haben das Schreiben unterzeichnet, darunter der gesamte Bundessprecherrat der Arbeitsgemeinschaft mit der baden-württembergischen Spitzenkandidatin Mersedeh Ghazaei.
Im Brief heißt es wörtlich: „Mehrere Passagen deines Interviews sind äußerst problematisch, da sie rassistische Narrative reproduzieren und zentralen Prinzipien unserer Partei widersprechen.“ Die Unterzeichner kritisieren insbesondere die Verknüpfung von Mitgliedern mit Migrationsgeschichte mit einem angeblich zunehmenden Antisemitismus-Problem als inakzeptabel.
Konkrete Forderungen an den Parteiveteranen
Die Kritiker fordern von Gregor Gysi drei konkrete Maßnahmen:
- Die sofortige Löschung des betreffenden Interviewausschnitts von seinem Instagram-Account
- Eine öffentliche Entschuldigung bei migrantischen und jungen Parteimitgliedern
- Die zeitnahe Teilnahme an einer antirassistischen Weiterbildung – nicht nur für Gysi selbst, sondern für sein gesamtes Team
Besonders die Wortwahl des Politikers stößt auf Widerstand. Die Aussage, die Lage sei durch den Zuwachs von Mitgliedern mit Migrationshintergrund „gefährlicher“ geworden, reproduziere laut den Kritikern „ein rassistisches Bedrohungsszenario“. Solche Formulierungen würden antimuslimische und antiarabische Ressentiments verstärken und hätten in einer antirassistischen Partei keinen Platz.
Gysis Büro zeigt sich verstimmt
Aus dem Bundestagsbüro von Gregor Gysi kam zunächst eine zurückhaltende Reaktion. Ein Mitarbeiter teilte mit, der Brief liege bislang nicht vor, weshalb sich Gysi nicht dazu äußern könne. Auf den Hinweis, dass das Schreiben bereits in der Partei zirkuliere, antwortete der Mitarbeiter mit den Worten: „Man spürt die Absicht und ist verstimmt.“ Diese Reaktion deutet auf eine angespannte Stimmung zwischen dem Parteiveteranen und seinen innerparteilichen Kritikern hin.
Die Forderung nach einer antirassistischen Schulung für einen der erfahrensten Politiker der Linken markiert einen bemerkenswerten Wendepunkt in der internen Auseinandersetzung über den Umgang mit Israel-Kritik und Antisemitismus. Während Gysi betont, sich gegen falsche Sichten auf Israel zu wehren und Grenzen einzuhalten, werfen ihm jüngere und migrantische Parteimitglieder vor, mit seiner Wortwahl genau jene Grenzen zu überschreiten, die er selbst einfordert.



